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Am Hilmteich
Ihr Haar war schon vor langem grau geworden. Jedes Jahr ein bisschen mehr. Die Sorgen hatten den Strähnen die Farbe genommen, aber nicht die Vitalität. Was war das für ein Schock gewesen, als, sie sich damals, in der Zeit als Kreisky noch Bundeskanzler war, im Spiegel betrachtet hatte, und ein einziges schneeweißes Haar entdeckt hatte. Sie hatte es sofort ausgerissen und lachend ihrem Mann gezeigt. „Vaterle, jetzt werden wir alt“: hatte sie zu ihrem Mann gesagt. „Wir werden nicht alt, sondern weise“, hatte er geantwortet und sich selbst ein graues Haar ausgerissen. Es ihrem beigefügt und gemeinsam hatten sie die beiden weißen Haare in einer kleinen Schatulle aufbewahrt.
Er besuchte sie jeden zweiten Tag in der Woche. Am Montag, am Mittwoch, am Freitag und am Sonntag. Jeweils am Vormittag. Für zwei oder drei Stunden. Er würde eigentlich lieber täglich kommen, aber das Autofahren fiel im schwer und er musste jetzt den Haushalt führen. Dazu kamen noch seine Bienen. Obwohl er nur noch drei Stöcke hatte, es waren bis zu zwölf gewesen, brauchten auch die seine Pflege.
Montags, Mittwochs, Freitags und Sonntags, stand er früher auf als an den anderen Tagen. Um halb acht strich er sich ein Marillenmarmeladebrot und trank eine Tasse dünnen Kaffee, während er die Zeitung las. Er begann immer mit dem Sportteil und freute sich, wenn sein GAK ein Spiel gewonnen hatte. Zum Politikteil kam er meist nicht mehr, weil seine Augen mit der Zeit schwächer geworden waren; er sogar manchmal die Lupe zur Hilfe nehmen musste, was sein Lesetempo verlangsamte.
Um acht ging er aus dem Haus, setzte sich in sein Auto und fuhr von Weiz nach Graz. Sein Hut lag neben ihm auf dem Beifahrersitz. „Dann können die nicht sagen: Typisch Hutfahrer“, dachte er sich, wenn es sich hinter im staute, weil er in den Kurven, von denen es viele gab auf der Strasse zwischen Weiz und Graz, die Geschwindigkeit reduzierte.
Ihr Zimmer war im dritten Stock der geriatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses. Es war ein Zweibettzimmer. Die Zimmerkollegin hieß Frau Vasmaier und hatte auch einen Schlaganfall gehabt und war, genau wie seine Frau, ziemlich vergesslich geworden. Frau Vasmaier lag immer in ihrem Bett und sah Fern.
Zu allererst, wenn er das Zimmer betrat, begrüßte er Frau Vasmair und fragte sie: „Und läuft etwas Interessantes?“ Worauf Frau Vasmaier dann erwiderte: „Was fragen Sie mich das.“
Seine Hedi bemerkte kaum, dass er eingetreten war. Ihr Gesicht erhellte sich zwar ein wenig, aber ihr Blick blieb starr auf die Decke gerichtet.
Er konnte sich nie ganz sicher sein, was ihn erwarten würde, sobald er an Hedis Bett trat. An manchen Tagen war sie selbst für ihn unzugänglich. Sie konnte kaum wiedergeben, was kurz davor geredet wurde. Sie verlor sich in irgendeiner Tätigkeit; las in Illustrierten, vielmehr betrachtete Seiten darin, stundenlang; oder sah auch Fern und erschrak jedes einzelne Mal, wenn Lieutnant Worf, in ihrer Lieblingssendung Star Trek am Bildschirm erschien.
Hedis Stimmung konnte von einem Moment auf den anderen umschlagen. So konnte sie fröhlich sein und ihm berichten, wie gut ihr das Frühstück geschmeckt hatte, nur um gleich darauf zu fragen, ob er sie hierher zum Sterben gebracht hätte. Und wenn er dann versuchte sie zu beruhigen, fiel sie ihm mit, „Das kannst du dir sparen!“, ins Wort; oder fing, bevor er versuchte, sich zu entschuldigen, an zu lachen, wobei sie neckisch hinzufügte: „Vaterle jetzt sind wir schon siebenundfünfzig Jahre verheiratet und du nimmst mich immer noch ernst.“
Auf Hedis Stirn waren Schweißtropfen. Ganz kleine, die aussahen, als wären sie schon ewig dort. Er berührte die Stirn sanft mit seiner rechten Hand, wischte die Schweißperlen weg und schaute Hedi dabei in die Augen. Hedi sagte nichts, aber zumindest wich sie seinem Blick nicht aus und er glaubte, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, eine leichte Erholung in ihren angestrengten Gesichtszügen zu erkennen.
„Hallo Hedi“
Hedi murmelte: „Hallo Vaterle“, zurück. Ihre Stimme klang brüchig und fiebrig. Er legte seinen Hut auf die Fensterbank, rückte sich einen Stuhl an Hedis Bett zurecht, warf seinen Mantel über die Rückenlehne und setzte sich. Hedi beobachtete jede seiner Bewegungen.
Eine Schwester betrat den Raum und begrüßte ihn: „Guten Tag Herr Tscheinig“
„Ihrer Frau geht es heute leider nicht sehr gut. Sie wollte nix frühstücken. Am Morgen hatte sie Bluthochdruck. Der ist aber Gott sei Dank wieder weg.“
Hedi sagte aufmüpfig: „Stimmt doch gar nicht.“
Er: „Was gabs denn zum Frühstück, Hedi?“
Hedi: „Das gleiche, wie sonst“
Hedis Wangen wurden immer leicht rot, wenn sie in Verlegenheit geriet, man sie beim Flunkern ertappte. Hedi war für ihn wie ein offenes Buch, wie eine wieder und wieder gelesene Seite, an der man kein Wort, keine Silbe, missen möchte. Daran hatte beides, Schlaganfall und Alzheimer, nichts ändern können. Am Anfang hatte er Hedi unterschätzt.
Dann hatte er ein Leben gebraucht sie kennen zu lernen. Und jetzt verblasste sie, Seite um Seite, Nuance um Nuance, von hinten beginnend. Was vor fünf Minuten geschah, was sich vor fünf Wochen ereignete, war bei Hedi ausradiert. Die Geschehnisse vor fünf Jahren konnte Hedi sich grob ins Gedächtnis zurückrufen. Ihre Jugend schillerte aber in allen Farben und war so prächtig, so voller Leben, dass er sie um die Erinnerungen beneidete.
Seine eigenen hatten nicht diesen Glanz, nicht diese Präsenz. Zwischen ihm und seiner Jugend lagen sechzig Jahre, die die Erinnerungen widerspenstig machten. Er musste mit ihnen kämpfen; Hedi aber versank in ihnen. So vollkommen, dass ihm nicht verborgen blieb, wie Hedis Augen hin und her wanderten, klarer wurden und Farben sahen; wie Düfte in Hedis Nase stiegen und wie Hedi die Ohren spitze; jedes Mal, als er zu erzählen begann, weil ihr dazu die Kraft fehlte.
Beim Erzählen brachte er dann Sachen durcheinander. Vergas die Anwesenheit von dieser und jener Person bei diesen und jenen Anlässen zu erwähnen, oder legte dem einen Sachen des anderen in den Mund. Abgesehen von seinem nachlassenden Gedächtnis, hatte er überdies schon vor langem gelernt mit der Falschheit neckisch zu kokettieren. Er ertrug damit Hedis „Du alter Depp“ leichter.
Montags, Mittwochs und Freitags spielten Hedi und er immer Canasta. Der Schlaganfall hatte Hedi zwar das Stehen und Gehen unmöglich gemacht, aber mit dem Kartenhalten hatte Hedi keine Probleme. Hedi brauchte zwar etwas länger bis sie alles sortiert hatte. Alle Damen, Könige usw. zusammen lagen. Wenn sich Hedi schwach fühlte, kam es auch vor, dass sie kleine Stapel von Königen und Damen verdeckt ablegte, aber den Überblick verlor Hedi höchst selten.
Selbst Spielzügeaushecken machte Hedi keine Schwierigkeiten. So gaukelte sie meist vor niedere Zahlen zu sammeln, obwohl sie es doch auf die höherwertigen Paare abgesehen hatte, um mehr Punkte zu schreiben.
Und wenn er dann schließlich doch gewann, war Hedi stets wütend und sagte beim Karten einpacken immer nur: „Du alter Schummler“ zu ihm.
Die Sonntage hatte er am liebsten. Zwar waren sie die Mühvollsten, er musste Hedi im Rollstuhl schieben, aber dafür war er mit Hedi an der frischen Luft und nicht in der sterilen Anonymität, eines weiß gestrichenen Krankenzimmers. Er machte mit Hedi immer kleiner Ausflüge im und um das Krankenhausgelände. Das Kahle der Gebäude hatte von außen, im Unterschied zu von innen, eine gewisse Schönheit, klassische Eleganz. Er spürte immer eine seltsame Verbundenheit, eine unsichtbare Einheit zwischen dem Weiß der Mäntel der herumwandernden Doktoren und Schwestern; und dem Weiß der Architektur. Von außen betrachten waren die Doktoren und Schwestern Heiler, von innen: erleichterten sie das Leid. Von außen wandelten sie zwischen Tempeln; von innen irrten sie zwischen Kranken- und Sterbelagern.
Schwache Lichtstrahlen verfingen sich in Hedis Haar, während er Hedi vor sich her, an der chirurgischen Abteilung vorbei, schob. Hedi duckte sich in den Stuhl, hatte er ihr Augen nur blinzelweit offen, und versuchte ihnen mit ihrer rechten Hand noch mehr Schatten zu spenden. Hedis Mundwinkel verloren sich zwischen Freude und Ängstlichkeit.
Hedi wisperte: „Nicht so schnell, Vaterle, geht eh schon bergab.“ Er verheimlichte Hedi, dass er mehr bremste als schob; stattdessen fragte er Hedi, ob es nicht komisch gewesen wäre, dass sich Hedis Cousine Anna und ihr Mann Bernd über Hedis Nichte kennen gelernt hatten?
„Das war nicht meine Nichte, sondern deine Nichte Elfriede, Vaterle.“
„Die Elfriede kennt Anna und Bernd gar nicht“
„Wenns einer meiner Nichten gewesen wäre, wären Anna und Bernd sicher nicht zusammen!“
Aber so gut ist unsre Verwandschaft auch nicht, dass wir drüber streiten müssten, Vaterle“
Hedi grinste.
Der Pförtner an der Ostausfahrt des Krankenhausgeländes nickte kurz. Er hob den Hut.
Der Gehsteig am Straßenrand wurde ebener. Er hatte jetzt weniger Mühe Hedis Rollstuhl zu steuern. Zu ihrer Linken standen zwei Reihen Rosensträucher ordentlich dafür ohne Blätter Spalier. Die beiden befanden sich jetzt Höhe Tanzschule, inmitten des Leechwaldes, der das Krankenhausgelände vom Hilmteich trennt.
Vor ihnen teilte sich der Wald, verschwanden Schatten, Lärm und Verkehr, hin zum kleinen Hilmteich der wie eine blaue Lichtung die Sonne einlud. Auf der Terrasse der kleine Prociutteria am Südufer, die Teigwaren mit Schinken in über fünfzehn verschiedenen Variationen vermengte, herrschte reges Treiben. Phlegmatische Kellner versuchten den Wünschen der Gäste zu folgen und verwechselten dabei Tische, Speisen, Getränke und die Gäste selbst. So saß ein dunkelhaariger, etwas behäbig wirkender, Mitvierziger vor Fusilli mit Sahne, Schinken und Oliven, obwohl er Tagliatelle mit Rahm, Schinken und Kapern bestellt hatte. Der darüber gekünstelte Groll des Herrn wurde mit einer Tasse Cappuccino aufs Haus besänftigt.
Am anderen, am unteren Ende waren drei ältere, gepflegte Damen bei nettem Plausch und Kaffee zusammen und fütterten, wenn keiner hinsah, die Tauben.
Die eine hatte ein ockergelbes Kostüm an und nippte immer picoliterweise von ihrer Wiener Melange.
Er schob Hedi an einen der Tisch, so dass ihr die Sonne im Rücken stand, denn sie konnte sich schwer wehren gegen helles Licht und Schirmkappen verweigerte sie. Hedi hat schon immer Stil gehabt.
Wenig später brachte die Kellnerin ihnen zwei Kaffee mit Schlag, ganz wie er es bestellt hatte. Er trank einen Schluck von Hedis Kaffee herunter, damit sie nichts verschüttete, wenn sie die Tasse hob.
„Heuer wird ein gutes Honig-Jahr.“, sagte er, „Vielleicht schleudere ich fünfzehn Kilo.“
Er glaubte zu erkennen, dass Hedi zustimmend, leicht nickte.
„Sie fliegen wie wild.“
„Es zieht.“, sagte Hedi, „Mir ist kalt!“
„Warte dort am Nachbartisch hängt eine Decke über einen Stuhl“, sagte er und stand langsam auf, ging hinüber und holte die Decke. Er packte Hedi behutsam darin ein.
„Kannst dich noch erinnern, wie wir uns kennengelernt haben? Das war nicht weit von hier.“, sprach er.
„Natürlich, meinst ich bin blöd? Du warst verwundet und lagst zur Erholung hier auf der Krankenstation. Ausgehen hast aber trotzdem wie ein junger Offizier, obwohl du nur ein ganz einfacher Soldat warst.“, antwortete Hedi.
„Und du warst Hausmädchen bei einem Hauptmann. Als ich das erfuhr, wollte ich eher den Kontakt abbrechen. Ich hatte Respekt.“, sagt er
„Vor mir? Ich war Hausmädchen. Uns hat man im besten Fall ignoriert.“, entgegnete Hedi.
„Das einzig Gute am Krieg waren die Frisuren!“, setzte Hedi fort, „Wie lange hast jetzt schon keine Haare mehr?“
„Ich habe die Tage nicht gezählt.“, sagte er mit einem Grinsen, „Aber ungefähr so lange wie du deine Grauen färben lässt.“
„Lass uns zurückgehen. Mir ist immer noch kalt und müde bin ich auch.“, sagte Hedi.
Als er zahlte, war Hedi schon im Rollstuhl eingeschlafen.
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