ich erlaube mir eure beiden Kommentare zu meinem Text gebündelt zu beantworten, da beide m. E. in die selbe Richtung gehen.
a) Zur Perspektive: Steyrer du hast sicherlich damit recht, wenn du einwendest, dass ein Ich-Erzähler vermutlich die Geschichte auch aus der Innenansicht der Person noch etwas spannender gemacht hätte, ich habe das auch überlegt gehabt. Allerdings handelt es sich bei Vogel um eine konkrete historische Person und nicht um eine fiktive Gestalt aus meiner Feder, daher schien es mir nicht redlich aus der Ich-Perspektive zu schreiben.
Auch über Rosa Luxemburg als Protagonistin habe ich nachgedacht, allerdings ergab sich dabei das Problem, dass Luxemburg nach den Kolbenschlägen bereits so schwere Kopfverletzungen erlitten hatte, dass sie das Bewusstsein nicht wiedererlangt hat bis sie erschossen wurde. Da das Thema der Geschichte die ich erzählen wollte, jedoch nicht die (illegale) Verhaftung und das Verhör ist, sondern die stümperhafte Ausführung eines eilig geschmiedeten Mordkomplotts zum vermeindlichen Wohle des Vaterlandes, habe ich mich für den den Befehl ausführenden Offizier als Protagonisten entschieden. Die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts (der erste Gefangene) kommt mir dabei wie eine Art Kristalisationspunkt von Geschichte vor, einerseits zeigt sich hier welche Büchse der Pandorra von der regierenden SPD mit dem Einsatz der Freikorps zur Niederschagung des Spartakusaufstandes geöffnet worden ist. Andererseits zeigt sich hier die Verselbstständgung dieses Prozesses, in dem sich die Offziere nach der Verhaftung der beiden bewusst entschließen sich über jegliche geltende rechtliche Norm hinwegzusetzen und damit zwei der Grundlagen des Staates, das Gewaltmonopol und die Judikative, auszuhebeln. Mir kam es darauf an die Verrohung von Politik im Umkreis des Spartakusaufstandes zu schildern, die jede Rechtsstaatlichkeit fahren lässt, indem der Schutz des "bedrohten" Vaterlandes von nationalistischen Schlägertruppen in die eigenen Hände genommen wurde (hups, welch unerwartete Parallele zu heute tut sich da auf!?).
b) Zur Historizität: Die Rahmenhandlung der Geschichte, die handelnden Personen und der zeitliche sowie materiale Ablauf des Ereignisses entsprechen den historischen Tatsachen, so weit sie trotz der wenigen Belege rekonstruierbar waren. Die Motive der handelnden Personen und die Dialoge sind fiktiv, ich habe mich aber bemüht beides an belegte Aussagen zurückzubinden. So hat etwa einer der im folgenden Prozess befragten Offiziere ausgesagt, er habe den Gefreiten Runge immer für etwas verblödet gehalten. Diese Worte habe ich dann im Rahmen künstlerischer Freiheit meinem Protagonisten im Selbstgespräch in den Mund gelegt. Dabei richten sich die Gedanken des Protagonisten ausschließlich auf die ordnungsgemäße Durchführung des empfangenen Befehls, dieser gilt seine ganze Sorge, was ihn als einen qualifiziert, der im Sinne Hannah Arendts zu dumm zum denken ist.
Ich hoffe meine Antwort kann euch so weit zufrieden stellen.
ich neige dazu, mich knapp auszudrücken, manchmal vielleicht zu knapp. Mit meiner Bemerkung über die Erzählperspektive wollte ich eigentlich nur sagen, dass eine Ich-Perspektive (wie in „Der stille Tod“) in diesem Fall problematisch gewesen wäre. Immerhin hättest du deinen Lesern damit den Anführer eines Mordkommandos als Identifikationsfigur präsentiert und das wäre ein Risiko gewesen, also etwas das Mut erfordert. Nicht nur wegen der zu erwartenden Ablehnung, sondern viel mehr einer unerwarteten Zustimmung. Unser Herrgott hat einen großen Tiergarten, sagt man.
Kurz: Ich halte die gewählte Erzählperspektive für richtig und habe daran nichts zu mäkeln.
Was meine Frage zu den filmischen Dokudramen betrifft, so werte ich deine Antwort der Einfachheit halber als „Ja“, auch wenn du dich vielleicht auf anderes beziehst. Eine solche Mischform aus Belletristik und Sachliteratur passt dann allerdings in keine der Schubladen hier und provoziert Missverständnisse.
Abschließend: Was in deinem Text, meiner Meinung nach, wirklich glaubhaft vermittelt wird, ist die Feindschaft zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten.
Schöne Grüße
steyrer
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Blumenberg Häufig gelesener Autor
Registriert: Feb 2016
zunächst einmal vielen Dank für die ausführliche Kommentierung meines Textes. Deine Kritik kann ich zu einem gewissen Teil nachvollziehen und ich habe ein wenig damit gerechnet.
Ich habe mich nach einigem überlegen für eine relativ offene Form und eher implizite Charakterzeichnung entschieden, da eine mir eine genaue Charakterzeichnung angesichts des Formates Kurzgeschichte zu üppig schien. Daneben habe ich mit dem Fokus des Protagonisten auf den besprochenen Plan und sein gelingen, einen Aspekt herausgegriffen, betont und in den Mittelpunkt des Handeln des Protagonisten gestellt. Der Leser muss sich ansonsten gewissermaßen aus verstreuten Hinweisen den weiteren Charakter Vogel zusammenreimen. Als Beispiel: Der Protagonist ist Oberleutnant a.D. also Veteran des ersten Weltkrieges, als Mitglied des Freikorps mag der Leser vermuten, dass Vogel nicht so wirklich im Frieden zurechtkam oder im Militär seine Heimat gefunden hat, vielleicht gehörte er vor dem Eintritt zu den vielen Arbeits- und Beschäftigungslosen der damaligen Zeit? Der Stolz auf die wichtige Aufgabe und das sklavische Festhalten und Umsetzen des besprochenen Planes sind weitere Hinweise, auch die völlig fehlende Auseinandersetzung des Protagonisten damit, was der Plan eigentlich beinhaltet (den Mord an einer wehrlosen Person) ist Absicht, er tritt als Antikommunist, aber mit platten Worthülsen auf wie "Die rote Hure", die aber beim genauerem Hinsehen eben nicht mehr sind als das sind, usw.
Was den Gefreiten Runge angeht freue ich mich, dass du das von Vogel unterschiedene Handlungsmotiv erkannt hast,du hast aber recht damit, dass diese Unterscheidung noch deutlicher herausgestellt werden kann, in dem man Runge detailierter zeichnet.
Was die erzählte Geschichte betrifft ist sie lediglich ein minimaler Ausschnitt aus einer wesentlich größeren Ereignisfolge die ich herausgegriffen habe. Sie fängt plötzlich an und endet plötzlich, wobei ich es dem Leser überlassen möchte, bei Interesse den gewählten Ausschnitt wieder in ein größeres Ganzes einzubinden in dem er mehr über die damalige Zeit liest oder es eben bleiben lässt. Das scheint mir einer der Vorteile einer historischen Vorlage zu sein, den ich auch nutzen wollte.
Hallo Steyrer
an diese Konsequenz der Ich-Persektive habe ich selbst gar nicht gedacht...eine gruselige Vorstellung.
Was deine Anmerkung zur Mischform angeht hast du recht, dies kann in der Tat Missverständnisse provozieren (siehe auch Doc Schneiders Anmerkung). Das Gute ist, dass das Forum es gestattet diese Auszuräumen in dem man als Autor mehr über die Anteile von Fiktion und Sachgenauigkeit und die Intention des Geschriebenen preisgibt. Ich hoffe ich habe die Missverständnisse in diesem und dem vorherigen Kommentar ausräumen können.
Beste Grüße
Blumenberg
Beste Grüße
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Robin Varcoe One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2015
Sehr spannend - vom Anfang an.
Der Verdacht, dass die Geschichte sich um R. L. handelte, kam mir relativ früh in den Sinn -ich hätte sie nicht mit Namen am Ende erwähnt.
Meine Meinung nach - da es (historisch) offenbar ist, von wem die Rede ist, schwächt diese Nennung von R.L. die Endung.
Aber die Geschichte gefällt mir.
Robin
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Blumenberg Häufig gelesener Autor
Registriert: Feb 2016
es freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat.
Ich kann deine Anmerkung zum Ende der Geschichte nachvollziehen. Die Nennung des Namens bzw. den gesamten letzten Satz hatte ich in der Tat in der ersten Fassung noch weggelassen. Ich habe mich aber nach mehreren Nachfragen aus meinem Bekanntenkreis für eine Auflösung entschieden, da ich glaube, dass die Geschichte mit beidem funktioniert. Hier war mir dann ein Entgegenkommen gegenüber dem Leser doch wichtiger.
Beste Grüße
Blumenberg
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