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Leselupe.de > Humor und Satire
Burnout
Eingestellt am 21. 10. 2016 11:13


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Dieses Thema ist 2 Seiten lang:    1   2  
anbas
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Burnout

Nachdem mir mein Kopf explodiert war, konnte ich wieder lächeln. Über die Leichen um mich herum wunderte ich mich nicht. Sie saßen auf den Bänken in der Wartezone, und jeder hatte seine Wartenummer noch in der Hand. Der Automat, der diese Nummern herausgab, war von der Wand gerissen und zerstört worden. Man würde sich Gedanken darüber machen müssen, wie es ohne ihn weitergehen sollte. Aber inzwischen hatten wir ja Übung darin, Ausfälle jeglicher Art zu kompensieren.

Mein letzter Kunde schleppte sich mühsam zum Ausgang. Er war schon sehr geschwächt, als ich ihn zu mir ins Büro holte. Ich weiß nicht, wie lange er warten musste, bis endlich seine Nummer aufgerufen worden war. Fast wäre er dann auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch gestorben. Um den damit verbundenen bürokratischen Aufwand zu vermeiden, bot ich ihm den Rest meines Pausenbrotes an. Dieses verschlang er dann unter Tränen.

Die Kollegin aus dem Nachbarbüro ging mit einem angestrengten Lächeln von einem Toten zum anderen und bot jedem Kaffee und Tee an. Dabei murmelte sie unentwegt vor sich hin: "Ich muss noch kundenorientierter arbeiten! Ich muss noch kundenorientierter arbeiten! …"

An der Tür unseres Chefs hing ein Schild, auf dem stand 'Ich komme gleich wieder'. Er hatte sicherlich wieder ein Meeting mit der Amtsleitung oder anderen wichtigen Leuten. Jeden Tag war er unterwegs, ich hatte ihn schon seit Wochen nicht mehr gesehen.

Die Türen der übrigen acht Büros waren bereits vor einigen Monaten mit roten Absperrbändern und Stacheldraht verrammelt worden. So sollte verhindert werden, dass die Besucher des Amtes dort übernachten. Die Kollegen, die in diesen Büros einst gearbeitet hatten, waren längst verstorben, in Rente oder auf unbestimmte Zeit krankgeschrieben. Um die Nachbesetzung der Stellen konnte sich wegen des Personalmangels leider niemand kümmern.

"Der Nächste bitte", sagte ich ruhig und ließ meinen Blick durch die Wartezone streifen.

Als mir niemand in mein Büro folgte, beschloss ich Feierabend zu machen.


__________________
Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen. (anbas)

Version vom 21. 10. 2016 11:13

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Eike Leickart
???
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Hallo Anbas,
mag Deinen Text. Darf ich trotz des Lobes, das er verdient hat, ein paar Kleinigkeiten monieren?
Ein Wort, das mich regelrecht stört, ist das "irgendwelche" (Meetings) im vierten Absatz. Das klingt so abfällig! Die Stärke des Textes beruht aber gerade darauf, dass der Erzähler an keiner Stelle aufbegehrt oder Kritik übt.
Bei mir würde die Kollegin nicht vor sich her, sondern vor sich hin murmeln. Vor sich her trägt sie den Kaffee!
Und passt zu einem Burnout nicht eher, dass der Kopf implodiert? Ein explodierter Kopf löst bei mir kleistsche Assoziationen aus ...
Und ein Vorschlag: Ich denke bei dem Text auch an wartende Syrer und Jemeniten. Das könnte mit einer winzigen Andeutung verstärkt werden: Die Kollegin bietet den Toten Kaffee mit Kardamom an!
Mit Gruß
E. L.


__________________
fama crescit eundo

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Zeder
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Hallo anbas,

ein hervorragend sarkastischer Text!

Ein paar wenige Anmerkungen habe ich:

Titel: Burnout

Wie wäre es mit z.B. "Gestern im Büro" oder "Täglich grüßt das Murmeltier" oder Ähnlichem?

"Nachdem mir mein Kopf explodiert war, konnte ich wieder lächeln."

Das würde ich streichen und mit dem folgenden Satz anfangen:

"Über die Leichen um mich herum wunderte ich mich nicht. Sie saßen auf den Bänken in der Wartezone, und jeder hatte seine Wartenummer noch in der Hand."


"Die Kollegin aus dem Nachbarbüro ging mit einem angestrengten Lächeln von einem Toten zum anderen und bot jedem einen Kaffee an. Dabei murmelte sie unentwegt vor sich her: "Ich muss noch kundenorientierter arbeiten! Ich muss noch kundenorientierter arbeiten! …"

Das ist einfach nur köstlich!

Und unter 'gleich' kann man eben recht Unterschiedliches verstehen.

Das ist eine Meinungsäußerung, die du ohne Probleme streichen kannst - der Leser kennt sie auch.

"Als mir niemand in mein Büro folgte, beschloss ich Feierabend zu machen."

Ein wunderbarer Schlusssatz. Danach sollte wirklich nichts mehr folgen.
Den Papierkram würde ich morgen erledigen.


Viele Grüße und sehr viel Freude an deinem Text habend, Zeder

P.S.: Magst du ihn nicht in "Humor und Satire" veröffentlichen?

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anbas
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Hallo Eike, hallo Zeder,

na, das ist mal wieder Textarbeit, wie ich sie liebe! Vielen Dank für Eure Rückmeldungen!

Bei einigen Eurer Vorschläge seid Ihr nahe an Überlegungen, die ich mir auch gemacht habe. Ich kann mir vorstellen, den einen oder anderen aufzunehmen, brauche aber noch etwas Zeit.

Den Titel möchte ich aber gerne so lassen. Das "Burnout" betrifft ja nicht nur den Prot. Auch die Leute, die in die Ämter kommen, sind oft in gewisser Weise ausgebrannt. Für mich jedenfalls passt der Titel sehr gut.

Mit dem Umzug in "Humor & Satire" bin ich einverstanden.

Über den Rest mach ich mir noch mal ein paar Gedanken.

Vielen Dank auch für die neu hinzugekommenen Wertungen - ich freue mich!

Liebe Grüße

Andreas
__________________
Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen. (anbas)

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Maribu
???
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Burnout

Hallo Andreas,

eine herrliche Satire!

Eigentlich ist es schade, dass diese Leute gestorben sind, sie wollten doch nur ihren Personalausweis verlängern lassen!

Das klingt so nach 'Insider-Wissen'. - Hoffentlich wirst du jetzt nicht zum "Nestbeschmutzer"!

Lieben Gruß
Maribu

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Maribu
???
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Burnout

Hallo Andreas,

habe gerade gesehen, dass die "Regierung" meine glatte "7"
gestrichen hat.

Das hängt mit der Bevormundung zusammen, gegebene Noten ab- oder aufzuwerten! Autoren können zwar gut oder weniger gut schreiben, sind aber nicht in der Lage, fair zu werten?!
Nächstes mal vergebe ich eine "10", um auf eine "8" zu kommen!

Aber du bist ja trotzdem auf einen Schnitt von "7,8"
gekommen.

Ich bin sicher, dein Text wird noch das "Werk des Monats"!

Lieben Gruß
Maribu

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