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Der verrückte Lesesessel
Die Veränderungen kamen schleichend, gleichsam in homöopathischen Dosen. Zu Beginn bemerkte er nichts, so wie er überhaupt seiner Umgebung nur wenig Aufmerksamkeit schenkte. Besser gesagt schenkte er ihr normalerweise genau die Aufmerksamkeit, die ihr seiner Meinung nach gebührte.
Nach dem Mittagsschlaf pflegte er sich in seinen Lesesessel zu setzen, nahe der Fensterfront, die beinahe bis auf den Boden reichte, um zwischen drei und sechs Uhr seine geheiligten Lektürestunden zu genießen. Niemand, der ihn kannte, hätte es gewagt, ihn in dieser Zeit der geistigen Auferbauung zu stören.
Lediglich der neuen Nachbarin, Frau Segebrecht, war dieser größtmögliche Fauxpas im Umgang mit ihm passiert. Einmal. An einem Sonntag. Als sie ihm zur Unzeit ein Stück Käsekuchen gebracht hatte. Trotzdem hatte er sie hereingebeten und sich überschwänglich für die Aufmerksamkeit bedankt. Da sie ja von seinen Gewohnheiten noch nichts hatte wissen können, hatte er ihr die Störung nicht wirklich übelgenommen. Überdies war sie ihm in ihren vielleicht eine Idee zu eng geschnittenen Jeans und dem straff anliegenden Pulli nett und zuvorkommend erschienen, und zudem nicht unintelligent, als sie bei dieser Gelegenheit mit ihm über dieses und jenes geplaudert hatte. Allerdings hatte er es nicht unterlassen, sie beim Abschied etwas mehr als beiläufig auf seinen Tagesablauf hinzuweisen. Das hatte genügt.
Einige Tage später, es muss wohl Freitag gewesen sein, meinte er dann, auf dem Boden neben dem Sessel einen schmalen, hellen Streifen wahrzunehmen. Doch angesichts des vierten Bandes von Gerhard Henschels Martin-Schlosser-Reihe, der auf dem grünledernen Lesekissen lag, maß er dem keine große Bedeutung zu. In gespannter Erwartung ließ er sich an diesem herrlichen, spätfrühlingshaften Nachmittag in die ereignisreichen Jugendjahre des Protagonisten entführen, die zugleich auch die seinen waren. Den Duft des frisch gemähten Rasens, der durch die Balkontür zu ihm hereindrang, nahm er gar nicht wahr, so intensiv wurde er bei der Lektüre mit seinen Erinnerungen an die inzwischen schon über drei Jahrzehnte zurückliegende Zeit zwischen Abitur und Studium konfrontiert. Eine wahrlich schwere Phase seines Lebens, an die er aus eigenem Antrieb nicht gerne zurückdachte.
Am Samstag hingegen hielt er kurz inne, um die schmale Verfärbung auf dem Parkett einer genaueren Untersuchung zu unterwerfen. Allerdings lenkte ihn dabei die große Euphorie ab, die er in sich spürte. Am Vormittag nämlich, während seiner Schreibtischstunden, hatte er eine durchaus heikle Romanbesprechung zu Ende gebracht. Eine Auftragsarbeit, die auch ein Freundschaftsdienst war, denn der Autor, ein alter Studienkollege von ihm, hatte insistiert, dass er die Aufgabe doch annehmen solle. Aus dieser Zwangslage hatte er sich, wie er fand, elegant herausgewunden, indem er ein gerüttelt Maß an verdientem Lob mit einigen Wermutstropfen der notwendigen Kritik angereichert hatte.
Um sich zu belohnen, hatte er daher zu einer wunderschönen Rilke-Ausgabe gegriffen. Und was wog im Vergleich zu den Duineser Elegien schon eine unbedeutende Verfärbung im Holz? Er verzichtete also darauf, sich auf dem Boden kniend mit einer derartigen Kleinigkeit zu befassen. Stattdessen nahm er Platz, seufzte zufrieden auf, warf von seinem Lesesessel aus einen stolzen Blick auf die überquellenden Regale an der Wand gegenüber und versenkte sich in das ihm so teure Buch.
Am Dienstag der folgenden Woche konnte er schon beruhigt über die inzwischen keilförmige, wie ausgebleicht erscheinende Stelle hinwegsehen, da er sich während seines frugalen Mittagsmahls eine plausible Erklärung für das Phänomen zurechtgelegt hatte. Er war nach einigem Grübeln zu der Erkenntnis gelangt, dass dieses mit der Tatsache zu tun haben müsse, dass die nette Nachbarin, natürlich mit seiner ausdrücklichen Befürwortung, kürzlich den hässlichen, hölzernen, halb verrotteten Sichtschutz auf dem gemeinsamen Balkon entfernt hatte, den Frau Müller, Gott habe sie selig, ohne übrigens damals seine Einwilligung dafür erbeten zu haben, vor etlich zwanzig Jahren dort aufgestellt hatte, als sie beide im Abstand von nur wenigen Tagen in die zwei Apartments eingezogen waren, die durch die Teilung einer ehemals großen Wohnung im obersten Stockwerk geschaffen worden waren.
Die von Frau Segebrecht stattdessen zum Zwecke der räumlichen Trennung locker angeordneten Blumenkästen bewirkten nun offenbar, dass die bereits intensiven Sonnenstrahlen, die vormittags aus südöstlicher Richtung durch die Fensterfront in das Zimmer fluteten, in einem anderen Winkel als bisher einfallen konnten. Warum auch immer das weibliche Geschlecht beständig der Aufzucht von Blumen nachging, das erschloss sich ihm zwar ganz und gar nicht, aber von diesem Moment an ignorierte er jedenfalls ruhigen Gewissens die stetig sich ausweitenden Zeichen der Veränderung auf dem Fußboden.
Tags darauf schreckte er kurz vor fünf hoch. Seine unbestechliche innere Uhr verriet ihm, dass es noch nicht Zeit war, die Tagebücher Thomas Manns aus der Hand zu legen, um zu seinem geliebten Abendspaziergang aufzubrechen. Er war verwirrt und glaubte für einen Augenblick, durch die offene Balkontür etwas anderes als das ferne Rauschen des Verkehrs und das Zwitschern der Vögel unten im Garten zu hören. Es gelang ihm jedoch nicht, dieses Geräusch näher zu bestimmen. Vor allem konnte er sich nicht erklären, warum es ihn dermaßen abgelenkt hatte. Normalerweise ließ er sich aus einem solch nichtigen Anlass nicht in seinen Lesestunden unterbrechen. Im Laufe der Jahre war er immun geworden gegen spielende Kinder, bellende Hunde, hysterische Mütter und ähnliche zu ihm hochschwappende Imponderabilien.
Was ihn jedoch deutlich stärker beunruhigte, war die Tatsache, dass sein weidlich vernachlässigtes Fortpflanzungsorgan in seiner Hose pochend Ansprüche geltend machte. Es machte diese Ansprüche sogar unangenehm drängend geltend. Ein echtes Ärgernis. Normalerweise kam er nämlich am Samstag in der Badewanne, in der Regel nach der obligatorischen Haarwäsche, der lästigen Verpflichtung nach, für die physiologisch notwendige Druckreduktion in seinem Unterbauch zu sorgen. Somit war dort der rechte Ort und die rechte Zeit dafür, nicht im Hier und Jetzt seiner sakrosankten Lektürestunden im Lesesessel.
Ungleich rätselhafter machte die Angelegenheit aber die Tatsache, dass ihm am Donnerstag um die nämliche Uhrzeit das Gleiche noch einmal widerfuhr, so dass er, entgegen seiner über die Jahre bewährten Gepflogenheit der wöchentlichen Geschlechtshygiene, nun außer der Reihe und sogar an zwei aufeinanderfolgenden Tagen das Badezimmer aufsuchen und sich, über das Waschbecken gebeugt, unter dem laufenden Wasserhahn Erleichterung verschaffen musste, um anschließend seine unterbrochene Lektüre wieder aufnehmen zu können.
Nicht genug damit war, je nach Sichtweise, entweder er zu klein gewachsen oder das Waschbecken zu hoch angebracht, so dass er für die an sich praktische Methode der Triebabfuhr, die er für diese beiden Ausnahmefälle gewählt hatte, auch noch den kleinen Trethocker aus der Küche holen musste, damit sein ungeduldig strammes Glied den gewohnten Wasserkontakt bekam, bevor er Hand anlegte und die Natur ihren zugegeben nicht unangenehmen Lauf nahm.
Als er am Freitag von seinem Mittagsschlaf aufstand, um sich nach Jahren einer gewissen Reserve gegenüber der Autorin noch einmal mit Elfriede Jelineks Klavierspielerin zu beschäftigen, konnte kein Zweifel mehr aufkommen: Sein Lesesessel war verrückt. Ein deutliches und unübersehbares Dreieck zeichnete sich auf dem Parkett ab, und als er Platz nahm, schaute er nicht, wie üblich, auf die gegenüberliegende Bücherwand, sondern durch die weit geöffneten Fensterflügel hinaus in den sommerblauen Tag.
Er suchte sein Heil in der Routine, setzte sich und schlug das Buch auf. Doch Jelinek war angesichts seiner Konfusion vielleicht nicht die wirklich richtige Wahl an diesem Nachmittag. Jedenfalls gelang es ihm nicht, sich wie gewohnt zu konzentrieren, und gut eineinhalb Stunden später meinte er, aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrzunehmen. Er blickte auf und wagte nicht, sich zu rühren, als er über die Blumenkästen hinweg sah, wie sich Frau Segebrecht auf ihrer Seite des Balkons auf einer ihm direkt zugewandten Polsterliege niederließ und dabei den viel zu kurzen, rot-weiß gepunkteten Frotteebademantel abstreifte, unter dem sie nichts trug, so dass er sich mit dem Anblick einer splitternackten Frau konfrontiert sah, die zu allem Überfluss eine überaus breitbeinige Position einnahm.
Ganz in ihr Tun versenkt und ohne ihn zu beachten, begann sie kurz darauf, ihr im nachmittäglichen Sonnenschein feuchtrosig aufleuchtendes, von einem zarten, wie ihm schien blond gelockten Haarkranz gesäumtes Geschlecht mit dem Zeigefinger und dem Mittelfinger der linken Hand aufzublättern und mit dem Mittelfinger der rechten Hand dort zu liebkosen, wo er die vielbeschriebene Perle der Lüste vermutete. Mit den geschlossenen Augen strahlte ihr Gesicht, das er ohne Umschweife und trotz ihres Alters – er schätzte, dass sie, wie er selbst, bereits im sechsten Lebensjahrzehnt stand – als schön bezeichnet hätte, eine Aura von fast andächtiger Sammlung und tiefster Zufriedenheit aus.
Praktisch gleichzeitig mit dem Werk ihrer Hände verfiel die nette Nachbarin in ein liebreizendes Stöhnen, das er, der vor Schreck und Ehrfurcht beinahe erstarrte, nun, da er die Quelle und Ursache zuordnen konnte, sogleich als das Geräusch identifizierte, das ihn in den Tagen zuvor unbewusst aus seiner Konzentration gerissen und zu den zwei eiligen Gängen ins Badezimmer genötigt hatte.
Ein seltsames Verlangen nahm Besitz von ihm. Und zwar nicht nur in dem Organ, dem er die entsprechende Zuständigkeit nolens volens zugestand. Ein Verlangen, das er seit der noch immer nachwirkenden Enttäuschung in seiner Jugend nicht mehr verspürt und über das er doch so viel gelesen hatte. Aber all seine Lektüren hatten ihn nicht wirklich auf die Entscheidung vorbereitet, die er nun treffen musste.
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- Mein feuchtes Fräulein, darf ich wagen, Hand und Zunge Ihnen anzutragen.
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