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Mein Leben

von hippogriff geprüft und empfohlen:

- als zeitgeschichtliches Dokument - er überlebte das Warschauer Getto, arbeitete kurze Zeit für den poln. Geheimdienst, als "poln." Kritiker deutscher Autoren, wurde aus der Partei ausgeschlossen und emigrierte nach Deutschland. (in Kürzestfassung.)

- als Lustmacher auf Literatur - unglaublich anregend

- interessante Gedanken zur Literatur allgemein

- bildreiche Schilderungen über Treffen mit den verschiedensten Autoren

- ???

Muss gestehen, ich habe mir das im März nur gekauft, weil ich es für 2,50 Euro erstehen konnte und jetzt begonnen, da gerade nichts anderes zur Hand. Ich bin wirlich begeistert. Aber ich lese sowieso sehr gerne Biographien.

hippogriff, 22.11.2002


Kann ich nur bestätigen. Hab´s nur auszugsweise gelesen, aber selbst da wars eine Lust die Schilderungen von R.-R. zu verfolgen.
Hat echt Spass gemacht und ich werd´s mir auch mal in der vollen Länge antun.
Viel Spass mit dem guten Stück.

assassini, 23.11.2002


Ich kann es wirklich nur auf jeden Fall empfehlen.

Es ist auf verschiedenen Ebenen interessant, wie ich bereits andeutete.

Zum einen wecken seine Schilderungen wirklich die Lust auf das Lesen auch von Klassikern, denn man wird geradezu mitgerissen von der Leidenschaft Ranickis. Und gleichzeitig wird klar, dass Kritiker zu sein für seine Leidenschaft (Literatur), wohl eine ziemlich schmerzhafte Kombination sein muss. Andererseits kann ich mir auch keinen (guten) Literaturkritiker vorstellen, der nicht Leidenschaft für Literatur empfindet. Er stellt das im Laufe seiner Schilderungen wirklich gut dar, wenn er z.B. schreibt, dass er im Interesse der Literatur kritisiert, aber mit seiner Kritik die Autoren verprellt, die ja manchesmal auch seine Freunde sind, aber nach einem Veriss ist das alles nicht so einfach.

Auf einer anderen Ebene wird deutlich, dass - in seinem Fall - das Talent ausschlaggebend für den Erfolg war und nicht die Schul- und Berufsausbildung und nicht die behütete Kindheit, auch wenn ihm natürlich beides zu wünschen gewesen wäre. Wenn man sich solche Lebenswege vor Augen hält, ein Mensch, der seit seinem Teenageralter sehen musste, dass er überlebt, und der tatsächlich im Versteck überlebt und später sogar das wird, was er seit seiner Jugend werden wollte, dann wird man kaum eine Antwort finden auf die Frage, was ausschlaggebend für die Lebenszufriedenheit und den Lebenserfolg des Menschen ist.

Sehr schön finde ich auch die zahlreichen Schilderungen von den Begegnungen mit den verschiedensten Menschen. Sehr eindringlich und herzlich und erschreckend die aus der Zeit im Getto und später im Versteck, ebenso herzlich von denen, die ihm in der ersten Zeit in der BRD geholfen haben (Heinrich Böll scheint ja eine Anlaufstelle für Emigranten aus Osteuropa gewesen zu sein), und oftmals überraschend von denen, die bekannt wegen ihres Namen sind, die man aber aus dieser Perspektive nicht kennt. Oft beschreibt Ranicki eine Begebenheit und verrät erst spät, um wen es sich handelt.

Muss aber gestehen, dass ich mir manchesmal dachte, dass er Situationen ausschmückt. Kann aber auch sein, dass es daran liegt, dass im zweiten Teil seiner Biographie fast nur Personen des öffentlichen Lebens erwähnt werden und das Private von Ranicki vollends zurücktritt. Da erfährt man fast nichts mehr von seinem Alltag, was ich ein bisschen schade, aber auch verständlich finde. Wer zieht sich schon gerne vor Millionen Lesern aus?

hippogriff, 24.11.2002


Hallo hippogriff,
ich finde es toll, dass Du Dir so viel Zeit genommen hast, das Buch von Reich-Ranicki so ausführlich und anschaulich (und neugierig machend !) zu beschreiben! Ich wollte es mir eigentlich nicht antun, da ich RR gegenüber etwas gemischte Gefühle habe - einerseits war es (im Literarischen Quartett) oft sehr witzig und scharfsinnig, was er über die Bücher sagte - andererseits hatte ich manchmal das Gefühl, dass er sehr stark auf Effekte und Polarisierung aus war und das Buch, um das es eigentlich ging, dadurch fast in den Hintergrund rückte.
Also - wenn ich das Buch irgendwo für 2,50 sehe, verdankt RR es Dir, dass ich es mitnehme !

Leidenschaft ist gut - aber ob man den Verriss des Buches eines Freundes wirklich immer mit so viel Leidenschaft und Vehemenz betreiben muss, möchte ich schon in Frage stellen. Denn oft ist es ja nicht die Kritik, die "weh tut" sondern die Art und Weise, wie sie geäussert wird. Und da war RR nie zimperlich - ob er solcher Art geäusserte Kritik so leicht wegstecken würde?? RR war auch häufig nicht bereit, eine andere Meinung zuzulassen : wenn er das Buch schlecht fand, dann war es schlecht - punktum! Wenn mir ein Buch gefällt (oder nicht), diskutiere ich gerne (mit mehr oder weniger Emotion und mehr oder weniger sachlich) mit jemandem darüber, der eine andere Meinung hat. Aber wenn man so in der Öffentlichkeit steht wie RR gehört die "kalkulierte Aussenwirkung" eben immer dazu!

löwenzahn, 26.11.2002


Ich habe keinen Fernseher und habe die letzten 8 Jahre nur ein einziges Mal das literarische Quartett gesehen - und das war 1994 als "Ein weites Feld" von Günter Grass "dran war". Daher bi ich vollkommen ranickiunvorbelastet.

Ranicki selbst hat in seiner Biographie betont, dass für ihn das Literarische Quartett wirklich nur ein kleiner Teil seiner Arbeit als Kritiker war und dass er sich vollkommen klar ist, dass diese Fernsehkitiken oberflächlich und einseitig sind, da sie 4 Werke in 90 (?) Minuten besprochen haben und jeder der vier zu Wort kommt.

Ich denke, man muss auf jeden Fall zwischen den Kritiken im Fernsehen und in geschriebenen Texten trennen. Fernsehen ist ein Medium des Bildes, da bedarf es ganz anderer Formulierungen als beim Schreiben. Sein Verdienst war sicher, dass er Literaturkritik durch das Medium Fernsehen (er schildert sehr interessant, wie es zum Literarischen Quartett kam ...) unter das Volk brachte.

Zu dem, was du anmerkst, kann ich wenig sagen, da ich ihn als Jugendliche das letzte Mal regelmäßig gesehen habe und mich nicht erinnern kann. In seiner Biographie vertritt er es auf jeden Fall nicht so dogmatisch wie du es schilderst.

Ich persönlich glaube schon, dass man nur schwer die schöpferischen Werke von Freunden kritisieren kann, ohne dass die Beziehung belastet wird.

Ich werde auf jeden Fall mal eines seiner Bücher mit Kritiken zulegen, nachdem ich gestern sogar mit Genuss Nathan den Weisen gelesen habe - ohne diese Biographie hätte ich den nicht rausgekramt.

Aber ich freue mich, wenn du aus meinen Schilderungen einen Gewinn gezogen hast.

hippogriff, 26.11.2002


habe mir reich-ranicki von meinem SUB geholt ... und muss sagen: ich bin begeistert!

bin zwar erst im ersten drittel - aber er schreibt wirklich fesselnd und es macht laune, d'ran zu bleiben ... was man ja wirklich nicht von allen biografien behaupten kann ...

werde mich noch einmal melden, wenn ich es ganz durch habe.

Anneliese, 20.02.2003