Samstag, 15. Oktober 2016

Reisereportage: Gefangener des Hausboots - Lost in Paradise


Meine erste Begegnung mit Indien hätte kaum schlechter verlaufen können. Auf meiner ersten großen Reise geriet ich bald in eine Grenzsituation. Nichtsahnend war ich in eine üble Falle getappt…


Ich flog über die pakistanische Thar-Wüste, als die Sonne über dem Horizont aufging und die Welt in ihr magisches Licht tauchte. Das Leuchten fand Widerhall in meinem Herzen, ein Moment von Ewigkeit. Ich hatte die ganze Nacht durchwacht und meine Ankunft herbeigesehnt, voller Erwartung, Bangen und Spannung.
Die Welt, die ich zu erobern trachtete, lag direkt unter mir. Ich hatte es tatsächlich gewagt, meinen Dickschädel durchgesetzt, meine Ängste bezwungen. Gleich würde ich indischen Boden betreten. Kurz darauf sah ich das Geschwür Delhis unter mir wuchern. Ich schluckte einen Kloß hinunter. Da wollte ich runter? Manchmal ist Ekstase von Beklemmung nur einen Wimpernschlag entfernt.

Das Greenhorn


Ich hatte mich das erste Mal alleine mit dem Rucksack in die Welt gewagt, ich war ein Greenhorn, von weitem sichtbar. Es war eines der Bilder aus der Literatur, das mich gefangen genommen hatte. Doch Kapuściński hatte das Land vor einer gefühlten Ewigkeit besucht. Von der Chuzpe eines Timmerberg trennten mich Lichtjahre. Trojanow konnte den Code Indiens entschlüsseln. Ich war ahnungslos.
Ich hatte mir eingebildet, gewappnet zu sein – schließlich war ich schon seit zweieinhalb Monaten unterwegs. Meine Reise hatte mich von Stuttgart über München, Venedig, Korfu, Patras, Athen, Kreta, die Kykladen und wieder Athen nach Istanbul geführt. Die Idee, auf dem Landweg weiterzureisen, hatte ich wegen der sich anbahnenden zweiten iranischen Revolution aufgegeben. Am Ende war sie ausgeblieben. Der arabische Frühling war Zukunftsmusik.
Istanbul ist zweifellos eine mondäne Metropole – auf Delhi konnte sie mich nicht mal im Ansatz vorbereiten. Diese Erkenntnis überfiel mich noch im Flughafengebäude wie ein Raubtier. Hunderte Blicke lasteten schwer auf meinen Schultern, sie schienen mich zu durchbohren. Ich fühlte mich nackt. Schlimme Vorahnungen überkamen mich wieder, sie hatten sich schon einmal in der vergangenen Nacht in Dubai meiner bemächtigt. Langsam keimte in mir die Gewissheit, wie wenig meine ursprünglichen Vorstellungen von meiner Reise mit der Realität zu tun haben mochten. Kaum hatte ich den ersten Fuß aus dem Flughafengebäude gesetzt, verkrampfte sich mein ganzer Körper. Feuchte Hitze durchtränkte meine Kleidung. Mein Kopf schien auf einmal tonnenschwer. Als mich die erste Welle des indischen Alltags überrollte, starrte ich fassungslos auf das Chaos. Was zur Hölle hatte ich mir nur dabei gedacht, allein hierher zu reisen? Ratlos stand ich da und fühlte mich unendlich allein. Ich setzte mich wie ein Gestrandeter auf den Bordstein, rauchte zwei Zigaretten und versuchte, mich zu sammeln. Angespannt betrachtete ich die hektische Szenerie um mich herum. Ich konnte die Gesten der Menschen schwer deuten. Das Leben um mich herum pulsierte, doch mir war diese Welt völlig fremd. Panik stieg mir die Wirbelsäule hoch.Wo sollte ich beginnen?

Diesen Schock haben auch andere Indienreisende beschrieben. Ihr Glück war, dass sie sich bald in einer der friedlichen Oasen Indiens wiederfanden. Sie „flüchten“ an Orte wie Dharamsala, Manali oder Pushkar. Dort finden sie Zeit, den ersten Kulturschock zu verdauen. In solchen Oasen treffen sie sich und tauschen sich über ihre ersten Erfahrungen aus. Das befreit ungemein. Wäre ich nun wie die anderen Backpacker in der Main Bazaar Road gelandet, hätte ich sicher einen Schock gekriegt. Doch wenn ich geahnt hätte, was auf mich warten würde, wäre ich schreiend davongelaufen. 
Während ich einen offensichtlich indienerfahrenen Reisenden dabei beobachtete, wie er zur nächsten Rikscha rannte und davonbrauste, versuchte ich zögerlich, ein paar Informationen zu erhalten. Die Preise, die mir die windigen Gestalten, die vor dem Flughafen rumlungerten, für die Fahrt in die Stadt nannten, waren völlig utopisch. Ich dachte an die Berichte von Betrügern, die ich gelesen hatte. Ich holte tief Luft und entschied mich für ein Prepaid Taxi. Erst mal musste ich irgendwo ankommen. Als ich das Ticket in Händen hielt, winkten mir Fahrer aus einer ganzen Kolonne von Fahrzeugen zu. Unbeholfen bestieg ich das erstbeste.
Wir fuhren über eine stark befahrene Straße Richtung Stadt. Der unglaubliche Smog verringerte das Sichtfeld auf höchstens hundert Meter. Der allgemeine Fahrstil war purer Wahnsinn. Hatte ich gedacht, dass die Kreter risikobereite Fahrer sind, erschienen sie mir nun als Ausgeburt der Vorsicht. Daran gewähnte ich mich schnell, kurzzeitig zauberte sich mir ein Grinsen ins Gesicht. Das mulmige Gefühl blieb jedoch. Mein Herz hämmerte wild.
Ich war sehr erstaunt, als der Fahrer am Seitenstreifen hielt und mich bat, in das Gefährt seines Bruders umzusteigen. Ich ahnte jedoch nicht, dass man mich in diesem Moment als potentielles Opfer auserkoren hatte. So famos die Idee war, auf einen Reiseführer zu verzichten – in diesem Moment hätte er mich vielleicht warnen können, denn die Masche war ein Dauerbrenner. Doch meine einzige Informationsquelle war ein völlig veraltetes ADAC-Magazin mit einer einzigen Empfehlung in der Budget-Klasse. Der neue Fahrer hielt vor dem „Tourist Information Center“, um sich mit mir nach der Adresse des Hotels zu erkundigen. Mir schwante nichts Böses. 
Farokh war ein junger, drahtiger Bursche mit einem gewinnenden Lächeln. Auf Anhieb machte er auf mich einen sympathischen, zugewandten und seriösen Eindruck. Das Hotel kenne er allerdings nicht. Er bot mir an, für einen Moment zu verschnaufen. Er reichte mir einen Tee und offerierte mir eine Zigarette. Dankbar nahm ich an. Ich war übermüdet, erschöpft und verunsichert und sehr erleichtert, das erste freundliche Gesicht zu sehen. Mir gefiel sein Sinn für Ironie. Farokh erklärte mir, dass an diesem Tag ein Fest in Delhi gefeiert wurde, was es unmöglich machte, ein billiges Hotel zu finden. Ich glaubte ihm nicht recht. Daraufhin bot er mir an, von seinem Büro aus zu telefonieren. Ich wählte die Nummer des Hotels. Man sagte mir, alle Zimmer seien ausgebucht.
Dezent eröffnete Farokh den Small Talk. Fast beiläufig erkundigte er sich nach meinen Reiseplänen. Ich schwankte noch, ob ich mich erst Richtung Rajasthan oder in den Himalaya aufmachen sollte. Er sagte das einzig Richtige: Wollte ich tatsächlich noch in den hohen Norden, sei jetzt der richtige Zeitpunkt, bevor es eisig kalt wurde. Rajasthan würde mir nicht davonlaufen. Ich könne in den Norden fliegen, um Zeit zu sparen, meinte Farokh. Mein Budget sprach für den Bus. Er gab mir die Nummer eines Busunternehmens. Dort wurde mir beschieden, dass ich erst in zwei Tagen ein Ticket erhalten könne.
Unser Gespräch entwickelte sich dynamisch und ich begann, ihm zu vertrauen. Er konnte sich gut in mich hineinversetzen und fand den richtigen Ton. Er biederte sich nicht an, er schien auf nichts zu drängen, er besaß Geduld. Er umkreiste mich wie ein Tiger. Ich hingegen wollte nur raus aus der Stadt. Zumindest irgendwohin, wo es ruhig war und ich schlafen konnte. Mich hatte das unangenehme Gefühl beschlichen, dass meine Entscheidung, nach Indien zu reisen, nur der Plan eines Wahnsinnigen gewesen sein konnte.
Nun erzählte er mir von seiner Familie, die im hohen Norden auf einem wundervollen See in einem Hausboot lebte. Mich reizte der Gedanke, dass es sich um einen Geheimtipp zu handeln schien. Er machte keinen Hehl daraus, dass der Aufenthalt für indische Verhältnisse teuer war. Es waren diese Momente von Ehrlichkeit, von denen ich mich überzeugen ließ. Seine Familie sei ein guter Ausgangsort, um sich langsam mit der indischen Kultur vertraut zu machen. Ein weiterer Bonuspunkt schien die Tatsache, dass ich von dort aus direkt nach Ladakh weiterreisen konnte – dorthin wollte ich auf jeden Fall. Es war keine Kurzschlussentscheidung. Zunächst machte er mir ein unverbindliches Angebot, das weit jenseits meines Budgets lag. Ich hatte auch nicht wirklich vor, dorthin zu reisen. Noch war es höchstens ein vager Gedanke. Doch er begann sich in mir festzusetzen. Warum eigentlich nicht?
Drei Japaner tauchten im Büro auf. Sie würden am nächsten Tag zum Hausboot reisen. Ganz so hirnrissig schien die Idee nicht zu sein. Als ich darüber nachdachte, was mir der Flug und der Aufenthalt wert sein mochten, hatte er mich am Wickel. Nach zähen Verhandlungen erzielten wir eine Übereinkunft. Teil der Vereinbarung war, dass ich bei Farokh zu Hause übernachten würde, um die teure Hotelübernachtung zu umgehen.
Ich hatte mich völlig überrumpeln lassen und hatte noch immer keine Ahnung, wohin ich reisen würde. Ich hatte mir zwar den See auf einer Landkarte zeigen lassen, aber gar nichts begriffen. Das Wort Kaschmir war nicht einmal gefallen – es waren keine Assoziationsketten in Gang gesetzt worden.
Erst als ich für die Reise bezahlte, beschlich mich erstmals ein ungutes Gefühl. Immer wieder fummelte Farokh an dem Kreditkartenlesegerät herum und wiederholte den Vorgang. Glücklicherweise handelte es sich um eine aufladbare Prepaidvariante, so dass dies in jedem Fall ohne Folgen blieb. Doch in mir schrie es auf. Irgendetwas lief gehörig schief. Doch in meiner Erstarrung konnte ich nicht protestieren. Ich fühlte mich der Situation vollständig ausgeliefert. Die Falle war zugeschnappt.
Kaum war der Deal über die Bühne, lud mich Farokh auf einen Joint ein. Es folgten weitere. Schon fühlte ich mich wieder ein wenig verwegen. Das war doch alles verrückt! Der Start meines Indienabenteuers passte irgendwie zu mir.
Als Buchungsbeleg erhielt ich schließlich eine formlose Quittung ohne Geldbetrag. Das Flugticket bekäme ich abends. Damit gab ich mich nicht mehr zufrieden. Ich drängte auf vernünftige Unterlagen. Doch die Stimmungslage drehte sich innerhalb von Sekunden radikal. Eine Reihe ungemütlicher Zeitgenossen tauchte wie aus dem Nichts in dem Reisebüro auf. Einer fauchte mich grimmig an: »You have to go now!« Ich spürte meine Ohnmacht. Sie hatten mich abgezockt.
Farokh versuchte mich wieder zu beruhigen. Aufgrund unserer neugeschlossenen Freundschaft spendiere er mir und den drei Japanern eine kostenlose Sightseeing-Tour, das sei alles. Am liebsten hätte ich die ganze Reisevereinbarung rückgängig gemacht. Ich war kurz davor durchzudrehen.
Die Tour durch Delhi war ein paranoider Grenzgang. Erstens wollte ich noch immer nur eines: schlafen. Zweitens war ich überzeugt, dass der Fahrer bei erster Gelegenheit mit unserem Gepäck abhauen würde und ich meinen ganzen Indientrip in Windeseile in den Sand gesetzt hatte. Und drittens hatte ich seit zwei Monaten nicht mehr gekifft; ich wähnte mich in einem Katastrophenfilm.
Am India Gate, dem großen Triumphbogen der Engländer, wäre ich am liebsten im Boden versunken. Ich wurde von allen Seiten bedrängt. Hundert junge Männer wollten ein Bild mit oder von mir machen. Die einen taten das verstohlen, die anderen heftig fordernd, fast bergriffig. Da stand ich nun, umringt von gaffenden Fremden, und glaubte alles verloren. Wie hatte ich mich nur so idiotisch anstellen können?

Doch der Fahrer lieferte uns am Ende wie vereinbart bei meinem Freund Farokh ab. Vielleicht hatte ich mich in die ganze Sache reingesteigert. Jetzt war ich gespannt, ob wir tatsächlich am nächsten Tag nach Srinagar fliegen würden. Während Farokh zunächst versicherte, alles würde glatt gehen, verlegte er sich bald auf ein fatalistisches »Inschallah!«
Da der nepalesische House Boy ein paar Besorgungen machen musste, ergab sich die Gelegenheit, etwas vom Alltag in den Straßen zu sehen. Wir fuhren mit einer Fahrradrikscha durch schmale Gassen im Süden der Stadt. Tatsächlich fand ein großes Fest statt. An den Kreuzungen waren riesige Pappmachéfiguren aufgebaut, die das Böse repräsentierten. Diese Figuren wurden mit infernalen Schwarzpulverbausätzen in die Luft gejagt. Immer wieder kam es zu unkontrollierten Explosionen. Das flößte selbst dem Rikschafahrer Respekt ein.
Ich war ein wenig verstört, aber im selben Maße fasziniert. Das ging ja gut los.
Zurück in der Wohnung durchforstete ich den ADAC-Reiseführer auf der Suche nach Informationen. Alles, was ich fand, war ein Bild des Dal-Sees in Srinagar, auf dem ich bald wohnen würde. Die Bildunterschrift lautete: Srinagar gilt heute als verbotene Stadt – nie hat mich eine Unterzeile mehr beunruhigt.
Am nächsten Morgen flogen wir tatsächlich nach Kaschmir. Vom Flugzeug aus hatten wir eine überwältigende Sicht auf eine der Himalaya-Ketten. Ich unterhielt mich mit meiner Nachbarin und notierte begeistert die zahlreichen Tipps von Sehenswürdigkeiten, die ich unbedingt sehen musste. Wenn ich geahnt hätte.
Am Flughafen wurden wir vom Patriarchen der Familie abgeholt. Er begrüßte uns überschwänglich; er schien ein gesetzter, sympathischer, sanft auftretender älterer Herr zu sein und strahlte natürliche Würde und Autorität aus. Die Furchen auf seiner Stirn erzählten von einem bewegten Leben.
Wir fuhren zum Dal-See. Hunderte Soldaten und Polizisten säumten die Strecke, wir mussten mehrere Checkpoints passieren. Das mulmige Gefühl meldete sich zurück.

Der goldene Käfig


Am See angekommen, bestiegen wir eine shikara – eines der Stakboote, die an venezianische Gondeln erinnern. Sie bieten Rundfahrten auf dem See an oder bringen Gäste zu einem der zahlreichen Hausboote, die fest in der Mitte des Sees verankert sind.


Nach Ankunft auf dem Hausboot empfing uns auch der Rest der Familie überaus gastfreundlich. Neben dem Patriarchen und seiner Frau lebte ihr ältester Sohn Rafiq auf dem Boot. Er hatte das Geschäft des Reisebüros fast vollständig übernommen.
Außerdem wohnte eine Schwester des Patriarchen auf dem Boot, die seit einem schweren Trauma infolge des Todes ihrer Eltern beim schweren Erdbeben 2005 nur noch Unverständliches vor sich hin brabbelte und sich kriechend vorwärts bewegte. Schließlich gab es noch einen Bediensteten, der aus Tibet stammte und wie ein Leibeigener gehalten wurde.
Die Hausboote waren eine Idee der Briten. Zur Zeit ihrer Kolonialherrschaft war ihnen der Erwerb von Landbesitz durch den Maharadscha Kaschmirs verboten worden. Das akzeptierten sie, weil sie sich durch die Stützung der lokalen Herrscher die Zustimmung der Bevölkerung sicherten. Gleichzeitig unterliefen sie diese Regelung mit den festverankerten Hausbooten. Später wurden auf Schwemmland zwischen den Booten Gärten angelegt. Heute ernähren sie tausende Menschen.

Der erste Abend mit den drei Japanern war amüsant, auch wenn die Gespräche aufgrund ihres schlechten Englisch rudimentär blieben. Ich entspannte mich ein wenig. Wir befanden uns in einer paradiesischen Umgebung: Das Hausboot protzte mit Holzschnitzereien und die Holzmöblierungen im Inneren waren exquisit. Anfangs durfte ich in einem dieser wunderbaren Räume übernachten. Ich konnte mir im Ansatz vorstellen, wie luxuriös die Engländer hier gelebt hatten.


Heute ist der See bei indischen Hochzeitsgesellschaften extrem beliebt. Hier spielen viele romantische Szenen der Bollywood-Filme.


Der Blick vom Hausboot reichte über den See auf die ersten Vorgebirge des Himalaya und einen Teil von Srinagar, das einst wegen seiner Wasserstraßen als „Venedig des Ostens“ bekannt war. Man konnte die Paradiesgärten erahnen, die von den Moguln angelegt worden waren, als Kaschmir in seiner vollen Blüte stand.
Morgens um vier Uhr erwachte ich das erste Mal vom Gesang der Muezzins, der von vier Minaretten über den See schallte.

Nichts ist geheimnisvoller, als zufällig kurz vor Sonnenaufgang wach zu werden und dann wie auf einer von Ferne heranrollenden Welle ein vorerst kaum verständliches Allahu akbar zu hören, das sich mit zunehmender Geschwindigkeit nähert, immer mehr Wellen mitführt, immer weitere Kreise zieht, immer neue Gefilde der Stille erobert, bis es einen plötzlich umspült und man mitten drinsteht…“

Stefan Weidner: Mohammedanische Versuchungen


Für die Familie war Ruf von der Moschee der Weckruf. Es war die Zeit des Ramadan. Sie aßen, bevor die Sonne aufging. Dann mussten sie auf den Sonnenuntergang warten. Das Essen bestand aus Reis und in Milch gekochtem, zähem und scharf gewürztem Hammel- oder Ziegenfleisch.
Es dauerte nicht lange, bis die Stimmung endgültig kippte. Ich wollte mit den Japanern über den Preis für ihren geplanten Treck sprechen. Der Patriarch hatte einen Fetzen unserer Unterhaltung aufgeschnappt, winkte mich harsch zu sich und stellte mich zur Rede. Als wir außer Hörweite waren, ließ er seine Maske fallen. Etwas Verschlagenes trat in seine Augen. Aggressiv blaffte er mich an; ob mir klar sei, welch guten Preis er mir machen würde. Don`t destroy our business! brüllte er mir ins Gesicht. Ich blickte in eine hasserfüllte Fratze voller Raffgier und Verachtung. In diesem Moment las ich nichts Menschliches in seinen Zügen. Ich war geschockt von dieser heftigen Explosion. Ich hatte mich mit den Falschen eingelassen. Die Schlinge hatte sich um meinen Hals festgezogen. Die Bedrohung lag wie eine schwarze Wolke über dem Hausboot.
Rafiq stand seinem Vater in Nichts nach. Ich hatte sogar den Eindruck, dass er noch mehr Falschheit in sich trug und eiskalt war. In seinem ganzen Wesen erschien er bedrohlich. Niemand, mit dem man sich anlegen sollte. Sein Lieblingssatz war: I’m talking to you honestly! Gerne versicherte er mir, ich hätte nun ein zweites Zuhause gefunden, in dem ich immer als Bruder willkommen sei – ein paar Mal musste ich an mich halten, um ihm für diese Verlogenheit nicht ins Gesicht zu spucken!
Der working boy aus Tibet war alles andere als glücklich. Man behandelte ihn wie Dreck. Die Frau des Patriarchen war die einzige Ausnahme. Sie war fürsorglich und herzlich zu allen. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sie nicht einverstanden war mit den Methoden ihres Mannes und ihres Sohnes.

Nachdem die Japaner in aller Herrgottsfrühe und ohne mein Wissen zum Trekking aufgebrochen waren, befand ich mich wie in einem goldenen Käfig. Mir war schleierhaft, wie ich mich aus dieser Situation herauswinden konnte. Die Atmosphäre auf dem Boot war vergiftet. Es war unmöglich, etwas auf eigene Faust zu unternehmen. Allein sei es zu gefährlich in der Stadt. Ich kam auch gar nicht erst vom Boot weg. Für Ausflüge jeder Art war ich auf den Goodwill meiner »Gastfamilie« angewiesen. Wenn man sich auf einem dieser falschen Hausboote befindet, ist es unmöglich, eine shikara zu ergattern, die einen zurück an den Boulevard bringt.
Der Traum vom Himalaya war plötzlich weit entfernt, dabei waren die Berge fast zum Greifen nahe. Aber ich konnte sie aus eigener Kraft nicht erreichen.


Ich fühlte mich unglaublich einsam und ausgeliefert. Ich besaß kein Handy und bat um einen Anruf. Ich musste eine vertraute Stimme hören. Man gestattete mir den Anruf, alleine ließ man mich nicht: »Ich bin in Kaschmir«, konnte ich meiner Mutter mitteilen, bevor die Verbindung abbrach. Das dürfte sie kaum beruhigt haben…
Die Machenschaften auf dem Boot wurden immer eindeutiger; es war kein Zufall, dass mein Gespräch mit den Japanern belauscht worden war. Das gehörte alles zur Einschüchterungstaktik. Man wollte um jeden Preis vermeiden, dass sich Touristen gegenseitig in ihrem Misstrauen und Unwohlsein untereinander bestärkten.
Niemand sprach das aus, stattdessen wurde immer auf Respekt verwiesen. Bei dem französischen Pärchen, mit dem ich gerne gemeinsam in die Berge aufgebrochen wäre, schob man vor, es sei respektlos, sie auf ihrem »honey moon trip« zu stören. Dabei wären wir gerne zusammen aufgebrochen. Den beiden war anzusehen, dass auch sie sich in ihrer Haut nicht wohl fühlten. Doch immerhin hatten sie einander.
Manchmal tauchte ein weiterer Bruder auf. Die einzigen anderen Besucher von außen waren ein geschäftstüchtiger Antiquitätenhandler, und eines der Boote, das mit Aufbauten in einen schwimmenden Shop umgewandelt worden war.
Mag sein, dass es irgendeine Möglichkeit gegeben hätte, von dort wegzukommen, aber ich war völlig verunsichert. Die Männer waren unberechenbar und gefährlich.
Entweder ich stellte mich halbwegs gut mit ihnen und sah zu, dass ich vernünftig und unbeschadet aus dieser Nummer wieder rauskam, oder ich stellte mich gegen sie, was den Verlust meiner Sachen bedeutet hätte oder Schlimmeres.
Immer häufiger fragten sie mich, ob ich nicht auf eine Trekkingtour gehen wolle. Das war natürlich meine Absicht, doch ich war davon ausgegangen, dass ich diese Tour auf eigene Faust angehen konnte. So hatte Farokh das in Aussicht gestellt.
Was hätte ich machen sollen? Die acht bezahlten Nächte auf dem Boot verbringen und sehnsuchtsvoll den Himalaya aus der Ferne betrachten sollen? Mir jeden Tag geheuchelte Freundlichkeit anhören? Langsam dem Wahnsinn verfallen?
So schluckte ich meinen Ärger über ihr verlogenes Gerede herunter, sie würden mir aus Sympathie einen guten Preis machen, und willigte schließlich nach längerer Verhandlung in einen überteuerten Viertagestrip in die Berge ein.

Lost in Paradise


Auf der Fahrt in den Nordosten wurde die extreme Militärpräsenz in Kaschmir noch deutlicher. Ein Militärgelände reihte sich ans andere – von Polizeiausbildungslagern, riesigen Armeestützpunkten bis hin zu den »Storm Troopers«. Ein bedrückender Anblick; Kaschmir war noch immer ein Pulverfass – eine der Achillesfersen der gesamten Region und die offene Wunde des Subkontinents. Pakistan hält die nördlichen Gebiete von Kaschmir besetzt und beansprucht das Kaschmirtal. Umgekehrt fordert Indien die Rückgabe der nördlichen Territorien. Seit der Unabhängigkeit des Subkontinents und der Teilung in Indien und Pakistan hat es drei Kriege um Kaschmir gegeben.
Fatalerweise war es mit der Unabhängigkeit zur Schaffung eines muslimischen und eines Hindu-Staates gekommen. Gandhi war mit dem Versuch der Aussöhnung zwischen beiden Religionsgruppen gescheitert. Doch selbst wenn man der Logik der Staatenteilung folgte, hätte das vornehmlich muslimische Kaschmir Pakistan zugesprochen werden müssen. Doch der herrschende Hindu-Maharadscha beschloss, seine Macht zu sichern, indem er Indien zu Hilfe rief. Unmittelbar danach kam es zum Genozid auf beiden Seiten der Grenze. Millionen von Hindus und Muslimen wurden vertrieben oder getötet.
Seitdem ist Kaschmir, das in seiner Geschichte bereits von Moguln, Hunnen, Sikhs, Afghanen und Maharadschas beherrscht wurde, nur noch kurzzeitig zur Ruhe gekommen. Noch immer sind 500 000 indische Soldaten stationiert. In den von Pakistan besetzten Teilen Kaschmirs gibt es Terrorcamps, in denen militante Kashmiri und Extremisten aus Afghanistan, Pakistan oder der arabischen Welt ausgebildet werden. In den Bergen stehen sich seit Jahrzehnten beide Armeen mit schwerem Kriegsgerät und Soldaten entlang der UN-Demarkationslinie gegenüber. 1999 standen Indien und Pakistan nach dem letzten bewaffneten Konflikt an der Schwelle eines Atomkrieges. Bis heute herrscht ein brüchiger Waffenstillstand.
Die angespannte Situation wird sowohl von Extremisten in Pakistan und Kaschmir als auch von der indischen Armee immer wieder neu angefacht. Die Militärs haben durch Korruption, Willkür, Vergewaltigung, Ermordung, Plünderung und Folter den Hass der Kashmiri auf sich gezogen. Die Extremisten antworten mit blutigen Anschlägen. Eine weitere Spirale der Gewalt. Das Gefühl, sich in einem silent war zu befinden, kann je nach aktueller Situation sehr stark sein; manchmal schien ich die Anspannung in der Luft zu spüren; dann hatte ich das Gefühl, es reichte, einen Funken zu entzünden, um eine neue Eskalation herbeizuführen.
Die Kashmiri sind sich über die Zukunft keineswegs einig. Einige befürworten die Zugehörigkeit zu Pakistan oder wollen einen eigenen Staat, viele streben nach einer weitreichenden Autonomie innerhalb Indiens. Doch in erster Linie sehnt sich der überwiegende Teil der Bevölkerung nach Frieden.


Wir fuhren durch eine zersiedelte Bergregion. Nach zweistündiger Fahrt erreichten wir ein kleineres Bergdorf in einem malerischen Tal. Wir parkten vor einem archaischen Hindutempel. 


Hier endete die Straße. Nur ein Trampelpfad führte zu den letzten Häusern und Hütten des Tals. Sie waren noch nicht an das Stromnetz angeschlossen. Unser Ziel war eine einfache Hütte. Mein Fahrer verabschiedete sich und übergab mich in die Obhut eines Kochs, der in den nächsten Tagen mein Begleiter sein würde. Noch wusste ich das nicht und fragte mich, was wohl als nächstes auf mich warten würde. Der Koch bereitete ein Reisgericht und Tee zu. Er sagte mir, dass wir am nächsten Tag ein Camp stromaufwärts beziehen würden, und stellte mir einen jungen einheimischen Führer vor, mit dem ich mir einen ersten Überblick über das Tal verschaffen könnte. Er musste sich noch um die indischen Touristen kümmern, die bald wieder nach Hause reisen würden.
Die Blätter der Bäume leuchteten in den prächtigen Farben des Spätherbstes. Das Tal war ein richtiges Paradies. Angesichts der Umstände fiel es mir jedoch schwer, das richtig zu würdigen.



Wir waren erst einige Hundert Meter unterwegs, als mich mein Begleiter auf die Sinnhaftigkeit einer Kifferpause hinwies. Eigentlich stand mir noch nicht der Sinn danach, aber ich wurde schwach. Minuten später war ich völlig verblasen.
Als wir zurück zu der Hütte gelangten, erkannte ich sie nicht wieder. Ich dachte an eine Falle. Nun war es aus mit mir! Doch es war nur eine Sinnestäuschung. So paranoid war ich in diesen Tagen. Ich befand mich in einem Zustand ständiger Anspannung und Sorge, kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Die innere Stimme, die für die nahenden Katastrophen zuständig ist, wiederholte in einem fort: „Es ist aus, es ist aus…“
Ich war überzeugt, dass man mich aller Habe berauben würde. Nichts würde mir bleiben außer der Kleidung, die ich am Leib trug. Falls ich überhaupt wieder hier wegkam. Immer wieder überkam mich das Gefühl, mein letztes Stündlein hätte geschlagen. Vielleicht würde mir jemand im Schlaf die Kehle durchschneiden.
Viele dieser Gedanken waren irrational, schließlich konnte man mich noch weiter auspressen. Andererseits: Niemand wusste, wo ich war. Woher sollte ich wissen, wo die Grenze lag? Hatte Rafiq überhaupt Gewissensbisse? Wie weit würde er gehen? Er spielte doch mit solchen Horrorszenarien. Was sie anrichteten, war ihm scheißegal.
Ich konnte mein Denken nicht abschalten. Wenn sie mich ausrauben wollten, würden sie es ohnehin tun; ich konnte nichts dagegen machen. Aber zu echtem Fatalismus fehlte mir die Kaltblütigkeit.
Ich hatte seit meiner Kindheit kein Heimweh mehr verspürt. Doch jetzt vermisste ich Familie und Freunde. Wie sehr wünschte ich mir einen von ihnen an meine Seite! 
Mein Vertrauen in meine Begleiter wuchs ein wenig, nachdem wir in dem eigentlichen »Camp« angekommen waren. Es bestand aus einem einfachen Zelt, in dem ich übernachtete, und dem Zelt des Kochs, in dem ich mich abends aufhielt. Es war etwas robuster; am Abend hielt es noch für einige Zeit die Wärme, die beim Kochen entstanden war. Noch besser half der heiße Tee. 


Der Koch fragte mich, wie viel ich für den Ausflug in die Berge zahlte. Ich schämte mich für den überteuerten Preis und verriet es ihm nicht; er schien ein einfacher Mann zu sein und sagte, er lebe on zero – er könne sich und seine Familie mit seiner Hände Arbeit gerade so über Wasser halten. Oder steckte er doch mit den Anderen unter einer Decke? 


Nachts war es unfassbar kalt. Selbst mit drei Decken und meiner kompletten Kleidergarnitur fror ich erbärmlich. Doch die Umgebung war beeindruckend.
Die beiden Zelte lagen direkt neben dem Sindh, der sich nach der Schneeschmelze in einen reißenden Strom verwandeln würde. Schon jetzt war die Strömung gewaltig. Das Tosen übertönte alle anderen Geräusche. Der Himmel war voller Sterne.
Trotz der immensen Anspannung habe ich selten so gut geschlafen. Auf den Bildern sehe ich erstaunlich entspannt aus. Wenn es darauf ankam, war ich ein guter Schauspieler. Vielleicht hat mich das vor Schlimmerem bewahrt.
Ich erlebte auch gute Momente; immer wieder gelang es mir, für kurze Zeit auszublenden, in welch fatale Situation ich mich hineinmanövriert hatte.
Dann stieg ich den Hang hinauf, genoss den weitläufigen Blick über das Tal und wähnte mich in einem unschuldigen Garten Eden.
Ich war hin und her gerissen zwischen Euphorie über diesen idealen und natürlichen Ort und Hysterie: die Einsamkeit quälte mich und ich sah mein Leben bedroht. Ich fühlte mich wie in einem verwunschenen Garten; ich war an diesem paradiesischen Ort verloren, wie ich ihn mir schöner kaum träumen konnte.
Einzig die regelmäßigen Feuer und der Holzschlag in den Hanglagen deuteten an, dass auch hier die Zeit nicht stehenblieb.
Die Bergbewohner waren herzlich und gastfreundlich. Die Männer saßen auf ihren Veranden und rauchten die hookah. Sie führten offensichtlich ein entbehrungsreiches, aber erfüllendes Leben. Aus Srinagar sei noch nie etwas Gutes gekommen, sagten sie.
Talaufwärts von unserem Lagerplatz gab es keine weiteren Häuser. Dort siedelten Nomaden in Strohhütten, die mit ihren Tieren auf uralten Wegen zwischen Sommer- und Winterlagern hin und herziehen. Jetzt trieben sie die Tiere zurück in die Täler. Ihre Gesichter hatten mehr Ähnlichkeit mit denen der Afghanen als der Kashmiri.
Der Höhepunkt meines Aufenthalts war der Trek zum Gangabal-See. Ein extrem steiler Pfad führte vom Tal aus unerbittlich nach oben. Im schneidenden Wind war es eisig. Die Luft wurde dünner. Während des schnellen Aufstiegs schlug mir das Herz bis zum Halse. Nach zwei Stunden war ich völlig am Ende. Doch es ging noch drei weitere Stunden bergauf. Für mich als ungeübten Wanderer ohne nennenswerte Kondition eine schier unmenschliche Anstrengung. Irgendwann schlich ich nur noch hinter dem Guide hinterher.
Bei guter Sicht hätten wir weit ins Gebirge schauen können, doch die Aussicht war durch tiefliegende Nebelschichten getrübt. Gleichzeitig verlieh diese Unschärfe der Umgebung etwas Geheimnisvolles. 


Endlich erreichten wir den See. 1400 Meter waren wir aufgestiegen. Hinter dem eisigen Gewässer ragte der majestätische Haramukh(5142 Meter) auf. Er gilt den Hindus als Wohnsitz Shivas. Auch der Tempel im Tal ist ihm gewidmet.


Etwas unterhalb war ein weiterer Gebirgssee sichtbar. Wir waren von einer gewaltigen Bergkulisse eingerahmt. Wir legten eine kurze Rast ein und nahmen ein kleines Mahl zu uns: gekochtes Gemüse und Kartoffeln, Eier, Toast und Marmelade.
Wir verweilten kaum zehn Minuten. Ich wäre gerne viel länger geblieben, um den Ausblick und die kalte, frische Luft zu genießen. Das Tosen des Flusses war in dieser Höhe nicht mehr zu hören. Einzig das Pfeifen des Windes durchbrach die Stille. Mein Körper schrie nach Erholung. Doch es hatte begonnen zu schneien und mein Führer mahnte zur Eile. Es half alles nichts. Auf dem endlosen Weg zurück ins Tal hatte ich Mühe, überhaupt noch einen Fuß vor den anderen zu setzen. Am liebsten hätte ich mich auf den Boden geworfen und wäre nie wieder aufgestanden. Ich musste meine letzte Willenskraft aufbringen. Nach zehn Stunden waren wir zurück im Tal. Trotz allem hatte mir das kleine Abenteuer gut getan. Ich wäre gerne noch länger an diesem geheimnisvollen Ort verweilt und wäre tiefer in die kaum berührte Natur vorgedrungen. Aber es kam nicht in Frage, den Haien auf dem Hausboot noch mehr Geld in den Rachen zu werfen. Am letzten Morgen bereitete mir der Koch zwei frischgefangene Forellen zu. Danach fuhren wir gemeinsam zurück zum Hausboot. Nach der Abgeschiedenheit und der frischen Luft war es verstörend, durch lärmende und stinkende Straßen zu fahren. Und es gab erfreulichere Aussichten, als wieder zu den Psychopathen auf dem Hausboot zurückzukehren.
Nach der Rückkehr bekam ich eine heiße Dusche aus einer lebensgefährlichen Apparatur spendiert. Das Wasser wurde mithilfe einer Autobatterie in einem Fass erhitzt. Immerhin wurde ich vor einem finalen Stromschlag gewarnt.
Rafiq und sein Vater wollten mich überreden, noch länger auf ihrem Boot zu bleiben und ihre Gastfreundschaft zu genießen. Doch diesmal hatte ich mich gewappnet. Wortreich und zuckersüß erklärte ich ihnen, wie gerne ich bleiben würde, aber dass dies aufgrund meiner Finanzen unmöglich sei. Mir war nur noch daran gelegen, mich anständig aus dieser Sache rauszuziehen, ohne mein Gesicht zu verlieren. Ich habe sie in dem Glauben gelassen, dass ich eines Tages wiederkommen würde. Ich hasse Lügen, aber hier erschienen sie mir mehr als angebracht.
Am Abend kam Rafiq in mein Zimmer und begann mit mir über Kaschmir zu sprechen. Das erste Mal sprach er offen über die Situation, die er sonst mal verharmloste oder aufblies, wie es ihm gerade besser passte. Nun betonte den Effekt, den die extrem hohe Militär- und Polizeipräsenz auf die Bewegungsfreiheit der Kashmiri hat. Das macht für ihn Kaschmir zu einem Gefängnis und er zeigte wenig Hoffnung für eine bessere Zukunft. Das war wohl das einzige Mal, dass ich den echten Mann hinter der grauenhaften Maske erblickte. Er war mir in diesem Moment fast sympathisch. Doch ich vergaß nicht, wie skrupellos er selbst war. In gewisser Weise hat er ein eigenes Gefängnis geschaffen. Dennoch bleibt die Frage, wie sehr ihn diese schwierige Ausgangsposition geprägt hat und was ich an seiner Stelle täte.
Aber am Ende erweisen Scharlatane seiner Sorte der überwiegenden Anzahl ehrlicher Bootsbesitzer einen Bärendienst. Ich war einer der berüchtigten Familien zum Opfer gefallen, die wie eine Art Mafia organisiert sind. Gegen Rafiq fand ich bei den Recherchen einen schweren Vergewaltigungsvorwurf. Bedrohung, Nötigung und Kidnapping gehören zu seinem Handwerkszeug. Eine erschreckende Geschichte erfuhr ich über zwei junge Frauen aus den USA. Sie waren auf ähnlichem Weg auf eines dieser Hausboote gelangt. Dort wurde ihnen nach einigen Tagen eröffnet, dass Krieg zwischen Indien und Pakistan ausgebrochen sei. Durch die Rohstoffknappheit müssten sie den fünffachen Preis bezahlen, und es sei ihnen unmöglich, das Hausboot zu verlassen; beim Erreichen des Ufers würden sie erschossen. Die Beiden gaben ihr ganzes Geld für den Indientrip in Kaschmir aus, lebten zwei Monate in Todesangst und mussten am Ende ihre Eltern anbetteln, um zurck nach Hause fliegen zu können. Wenn man das omnipräsente Militär in Kaschmir gesehen hat, kann man die Lüge vom Krieg durchaus glauben.
Und ich begriff. Meine Anrufe aus dem Büro in Delhi hatten nicht weiter als bis in die nächste Kabine des Büros gereicht. Ich bekam immer die gewünschten Antworten. Solch perfide Strategien lagen damals außerhalb meines Vorstellungsvermögens. 
Es bleibt eine furchteinflößende Erfahrung, die mich auf meiner ersten Indienreise verfolgt hat. Nie zuvor hat mich mein Gespür für Menschen so sehr getrogen. Ich hatte Mimik und Gesten völlig falsch interpretiert und nicht damit gerechnet, dass ich sie nochmal ganz neu justieren musste. Als die Geschichte erst mal im Rollen war, hatte ich das Gefühl, nicht mehr aussteigen zu können. Ich hatte die Schatten der Vergangenheit hinter mir lassen wollen, doch sie hatten mich schnell eingeholt. Es hat lange gedauert bis ich danach wieder unbefangen Fremden vertrauen konnte.

Am Ende machte ich drei Kreuze, als ich im Jeep Richtung Jammu saß. Offenkundig war es keine gute Idee, kaum 50 Kilometer von Osama bin Ladens letztem Zufluchtsort Abbottabad entfernt, eine politische Diskussion über Kaschmir, die US-amerikanische Außenpolitik und die deutsche Geschichte mit einem bärtigen Fundamentalisten zu führen, aber das ist eine andere Geschichte.


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coming soon: "Die Lagune"

Sonntag, 20. März 2016

Reisereportagen: Dharamsala - Siddartha, der Dalai Lama und Pinku




Anreise:


Der Busbahnhof von Jammu war ein abstoßender Ort. Überall lag Müll, die Fassaden und die Straße waren völlig heruntergekommen und es roch erbärmlich. Ich hatte gerade die Fahrt im Jeep eines Wahnsinnigen aus Kaschmir heraus überstanden. Am Bahnhof traf ich auf zwei Israelis, die ebenfalls nach Dharamsala fahren wollten und in wilden Verhandlungen versuchten, den Preis für das Busticket zu drücken. Auch wenn ich solche Verhandlungen nicht leiden kann, war ich froh über ihre Gesellschaft. Die krassen Erfahrungen mit den Betrügern in Kaschmir saßen mir noch heftig in den Knochen und die Verunsicherung hatte mich nicht verlassen.

Ich werde nie vergessen, welche Luft uns empfing, als wir durch die Industriegebiete Jammus fuhren. Es war kein Zufall, dass viele Busreisende Atemmasken trugen. Die Luft war schwarz und rußig, einatmen musste um jeden Preis vermieden werden. Die unzähligen Fabriken hatten offensichtlich keine Filter und verströmten dicken Qualm, der die Sonne verdunkelte. In meine Nase stiegen die abstoßenden Gerüche von brennenden Plastikbergen und die Abgase der Busse, Autos und Trucks. In der Kombination erzeugte das ein widerliches und lebensfeindliches Gemisch. Nach der klaren Luft in den Bergen kam ich mir vor, als wäre ich in die Hölle hinabgefahren.
Die versprochene Ankunftszeit um zwei Uhr morgens war nichts als Wunschdenken. Nach einer Höllentour über eine Piste voller Schlaglöcher, die mir mehrfach Kontakt mit der Decke des Busses einbrachten, wurden wir um drei Uhr morgens vor den Pforten eines Regionalflughafens abgesetzt. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns einen überteuerten Wagen nach Dharamsala zu teilen. Um diese Zeit gibt es halt keine große Konkurrenz. Die Israelis versuchten zwar wieder, zu verhandeln, aber ich verspürte keine übertriebene Lust, die Nacht auf dem Bordstein zu verbringen.

Dharamsala erreichten wir schließlich um vier. Wir begannen den Ort im faden Licht der wenigen Laternen zu erkunden, konnten aber kein Gasthaus mit besetzter Rezeption finden. So froren wir eine Stunde in dem dunklen Kabuff der örtlichen Bushaltestelle vor uns hin. Endlich erspähte uns ein Hotelangestellter, der in den frühen Morgenstunden auf der Suche nach gestrandeten Touristen war.
Nach der Ankunft im Gasthaus war ich euphorisch und die Anspannung der letzten Woche fiel ein wenig von mir ab. Seit meiner Ankunft hatte ich mich nur in Extremsituationen bewegt. 


Ich hörte Musik und wartete noch, bis die Sonne aufgegangen war, um einen Blick auf meine Umgebung zu werfen. Das eigentliche Dharamsala liegt weiter unten im Tal, der obere Teil, Mclodeonganj, ist in den Hang gebaut und von meinem Balkon hatte ich einen Blick auf die umliegenden Berge. 




Dharamsala / McLodeonganj:

In Mclodeonganj lebt der Dalai Lama. Aus Tibet ist er über den Hauptkamm des Himalaja hierher geflüchtet und hat von der indischen Regierung Asyl erhalten. Deshalb findet sich hier die größte tibetische Gemeinschaft außerhalb von Tibet. Noch weiter oben liegt Dharamkot, das ursprünglicher und dörflicher daherkommt und fast keine Souvenirläden besitzt, dafür einen hohen Hippieanteil.

Leider hielt mein positives Gefühl nicht lange an, das Erlebte wirkte zu stark nach.
Ich hatte mich noch nie so fremd und alleine gefühlt wie in diesen ersten Wochen in Indien. Bislang war ich recht abgeschirmt von der Armut, hier war ich nun endgültig mit ihr konfrontiert. Dharamsala zog eine Menge armer Menschen an, die sich erhofften, von den Touristen zu profitieren. Bettler zerrten an mir und folgten mir längere Strecken, während sie mir ihr Elend klagten. Mir fiel vor allem eines auf: Viele Frauen bettelten mit einem Säugling auf dem Arm und riefen schon von Weitem, dass sie kein Geld wollten, sondern nur Milchpulver für ihr Baby. Ersteht man jedoch das gewünschte Gut, so wird es umgehend wieder an den Shop zurückverkauft. Ich will und kann das nicht bewerten, aber ein bisschen verstört war ich allemal, als ich begriff, welche Masche dahintersteckte. Vor allem, dass es sich in der Regel nicht um den eigenen Säugling handelt, sondern dass viele Babys ausgeliehen werden, um Mitleid zu erzeugen. Freilich schmälert das in keiner Weise die bestehende Armut.

Ansonsten präsentierte sich der Ort als bunter Mix. Es gab unzählige Läden, die wunderbare Kleinode, aber auch furchtbaren Kitsch im Angebot hatten. Daneben prägten vereinzelte Tempel, Gasthäuser, Restaurants, Yogaschulen, Massagesalons und Treckingagenturen den Ort. Die Angebote waren zumeist auf den spirituellen Touristen und die Verehrung des Dalai Lamas zugeschnitten. Leider geht das in meinen Augen oft zu weit. Schon lange ist die grundsätzlich zu unterstützende »Free Tibet«-Kampagne zu einem echten Kassenschlager und einer eigenen Marke mutiert. Und längst nicht alles Geld, das unter diesem Slogan verkauft wird, kommt wirklich den Projekten und Hilfsangeboten der tibetischen Gemeinde zugute. Trotz allem ist Dharamsala ein Mikrokosmos, den es so auf der Welt sicher kein zweites Mal gibt.

Ich besuchte das tibetische Museum. Trotz allem was man zu wissen meint, ist es sehr bedrückend zu erfahren, wie systematisch die tibetische Kultur im Zuge von Maos »Kulturrevolution« zerstört wurde. Ganze Klöster und Kultstätten wurden dem Erdboden gleich gemacht, Aktivisten für die tibetische Sache gnadenlos verfolgt, gefoltert und ermordet. Ich würde so gerne einmal Tibet bereisen – doch ich fürchte, das heutige Bild würde mich sehr deprimieren.

In Dharamsala schien sich jeder im Yogafieber zu befinden. Gerade das stieß mich ab. Wenn ich das Gefühl bekomme, nur Esoteriker um mich herum zu haben, dann will ich selbst keiner mehr sein. Auch der Dalai Lama war in McLodeonganj, was aufgrund der vielen Reisen »seiner Heiligkeit« nicht selbstverständlich ist. Es bestand die Möglichkeit, an seinen »teachings« teilzunehmen. Ich entschied mich jedoch dagegen. Mir ging ziemlich auf die Nerven, dass fast alle Backpacker und Touristen von nichts anderem als Yoga und diesen »teachings« sprachen. Das erschien mir oberflächlich. Ich persönlich wusste noch immer viel zu wenig über den Buddhismus, um mich ernsthaft mit ihm auseinanderzusetzen. Auch der Charakter dieser »teachings«, zu denen über tausend Menschen strömen – die meisten davon Touristen – stieß mir bitter auf. In meinen Augen muss das Ganze zu einer Show verkommen, mochte der Dalai Lama noch so sehr er selbst sein. Ich hätte gerne einmal seine Aura verspürt, aber in diesem Rahmen verzichtete ich lieber darauf. Ein Mal sah ich, wie Touristen und Mönche eines dieser »teachings« verließen. Während die Touristen tief in Gedanken versunken waren, verließen die Mönche lachend den Ort. Scheinbar ließ sich die Botschaft des Dalai Lama besser mit dem Herzen verstehen als mit dem Verstand.
Versteckt in den Gassen stieß ich hingegen auf kleinere Klöster, die mehr Ursprünglichkeit ausstrahlten und mir verdeutlichen, dass trotz allen Ausverkaufs die Spiritualität vieler Mönche und ihrer Unterstützer ungebrochen ist.

Um mit dem Städtchen warm zu werden, war mir jedoch zu viel los und den Kommerz um den Dalai Lama fand ich unerträglich. So zog ich jeden Tag alleine los, um meinen Frieden in den Bergen zu finden. Oftmals brach ich unvorbereitet auf, mit dem vagen Ziel, den nächsten, vor mir aufragenden Berg zu erklimmen. 


Als Verpflegung hatte ich nur ein paar Momos im Gepäck – geröstete oder gedünstete Teigtaschen, gefüllt mit Gemüse und garniert mit einer Chilisauce. Häufig unterschätzte ich die Aufstiege. Manchmal blieb mir nichts anderes übrig, als mich am Gestrüpp nach oben zu ziehen, wenn die Steigung zu groß wurde. Auf den Gipfeln traf ich häufig auf Schäfer, die hier mit ihren Hunden und Schafen weideten. 





Eine weitere Spezialität von mir wurden Aufstiege im Dunklen, weil ich mich gerne überschätzte.  



So schön solche Bilder sind, wer sie aufnimmt und kein Zelt danebensteht, macht eindeutig etwas falsch...


Noch gefährlicher war, wenn ich eine leichte Entrückung verspürte und unbekümmert von einem Felsen zum anderen sprang, so als könne ich gar nicht abstürzen. Ich bekam zwar mit der Zeit eine gewisse Sicherheit, aber ich musste mir immer wieder neu in Erinnerung rufen, dass ein kleiner Fehltritt schwerwiegende Folgen haben würde. Doch ich wagte mich immer wieder halsbrecherische Wege hinauf. Hier spürte ich mich. 


Selten zuvor fühlte ich mich so eng mit der Natur verbunden. Ich kletterte bis zur Erschöpfung und weit darüber hinaus. Manchmal musste ich mich ganz auf meinen Tastsinn verlassen. Je weniger die Wege begangen waren und je weiter ich mich abseits der Zivilisation begab, desto wohler fühlte ich mich. Das Naturerleben erdete mich und meine Sinne schärften sich. Es tat mir ausgesprochen gut, so viel zu laufen. 



Es dauerte jedoch immer einige Stunden, bis der fortwährende Strom meiner Gedanken allmählich verstummte oder zumindest abnahm und an ihre Stelle eine selten erlebte Klarheit trat. Nun benötigte ich meinen Geist dazu, die Konzentration aufrecht zu erhalten, um keine Fehler zu machen, die nahe am Abgrund zu fatalen Konsequenzen führen konnten. Ich fühlte mich lebendig wie selten in meinem Leben. Die umgebenden Geräusche, ein vorbeiziehender Vogel, die Berge um mich herum und der Pfad vor meinen Augen – das war alles was zählte. Im Hier und Jetzt zu sein, das gelang mir sonst nur selten und ich genoss diese Momente in vollen Zügen.



Auf meinen Streifzügen stieß ich auf kleinere Dörfer, die noch viel ursprünglicher der tibetischen Kultur folgen und von Ackerwirtschaft geprägt sind.

Doch Indien blieb mir weiter sehr fremd. Ich vermisste Freunde und Familie. Aus der Ferne erschien mir das Leben, das ich aufgegeben hatte, oft verlockend und ich hatte viele Ideen, was ich dort anders machen würde. Denn eigentlich wünschte ich mir in diesen Tagen nichts sehnlicher, als nach Hause zurückzukehren. Doch aufgeben kam nicht in Frage, sonst hätte ich mich nur als Versager gefühlt. Ich war schließlich aufgebrochen, um ein neues Kapitel aufzuschlagen und ein anderes hinter mir zu lassen. Irgendwann musste der der Funken von der friedlichen Umgebung auf mich überspringen!

Ich blieb ein Einzelgänger. An diesem Punkt war ich ambivalent: Eigentlich wünschte ich mir nichts sehnlicher, als endlich auf Gleichgesinnte zu treffen, mit denen ich Erlebnisse und Reisewege teilen konnte; gleichzeitig war ich für Andere verschlossen und tat alles, um meine Einsamkeit zu manifestieren.

 
Doch zwei Begegnungen beeindruckten mich tief. Zunächst traf ich in den Bergen einen jungen Tibeter, wir kamen ins Gespräch und teilten einen Teil des Weges. Wir unterhielten uns über die Zukunft des tibetischen Volkes und der Welt. Er betonte, wie entscheidend es sei, Gutes zu tun, um ebensolches zu erfahren. Karma. Sich selbst deswegen aber nicht als »gut« oder gar »besser« anzusehen, sondern darüber Andere entscheiden zu lassen. Ehrlich zu sein und nicht mit Fingern auf Andere zu zeigen, sondern sie direkt auf ihre Fehler anzusprechen. So banal diese Weisheiten wirken mochten, so gut tat es, sie so unschuldig ausgesprochen zu hören, von jemandem, der offenbar genau das lebte. Mein Begleiter hatte seine Heimat verlassen müssen, meinte jedoch, es sei völlig normal, mit dem Körper die Heimat zu verlassen und trotzdem über die Seele mit den Ahnen in Verbindung zu bleiben. Seine Ausgeglichenheit und seine Fröhlichkeit haben mich umso mehr beeindruckt, da er nach dem Tod seiner Eltern seinen Weg alleine gehen musste und dies offenbar voller Würde tat, ohne Zorn und Verbitterung.


Pinku und Siddartha:

An einem anderen Tag wurde ich am Waldesrand von einem Sikh auf mein Athen-Shirt angesprochen, das mir mein Bruder zu meinem Geburtstag geschenkt hatte. Ob ich wohl ein griechischer Philosoph sei? Jedenfalls nahm ich seine Einladung an, mit ihm in seine Teestube zu kommen. Er hieß Pinku und wir redeten uns schnell in Fahrt. Wir sprachen über seine und meine Welt  und das hektische Leben in der westlichen Welt. Bald erzählte ich ihm offen aus meinem Leben.
Wie üblich für einen Sikh trug Pinku einen langen, in seinem Fall bereits ergrauten Bart, sein Alter konnte ich schwer schätzen, er wirkte uralt und blutjung zugleich. Auffällig und einladend waren seine Augen – voll wacher Intelligenz, aber auch Wärme, als würde ein inneres Feuer in ihm brennen. Er strahlte eine Güte aus, die ich selten erlebt habe und die ihn jugendlich erscheinen ließ. Da ich das starke Gefühl empfand, ihm grenzenloses Vertrauen entgegen bringen zu können, erzählte ich ihm offen über die Traurigkeit in meinem Herzen aufgrund der schrecklichen Dinge, die in der Welt passieren. Ich schilderte ihm meine Probleme damit, immer über Gott und die Missstände der Welt zu grübeln und daher nie zur Ruhe zu kommen und kaum genießen zu können. Ich erzählte ihm Teile meiner Lebensgeschichte und von meiner Suche nach Glück und Essenz, die mich nun zu ihm in die Teestube am Rande des Waldes geführt hatte.
Pinku betonte, wie wichtig es sei, mit dem Herzen und nicht so sehr mit dem Verstand zu handeln und auf die innere Stimme zu hören. Er meinte, das Heimweh, das ich verspürte, hinderte mich nur daran, meine Auszeit zu genießen und glücklich wieder zurück zu kommen, was die Daheimgebliebenen viel glücklicher machen würde, als wenn ich erschöpft und traurig heimkäme. Sein Anliegen war mir zu vermitteln, dass all dieses Grübeln keinen Sinn hätte, gleichzeitig verstand er, warum ich ein Buch über meine Erfahrungen schreiben wollte. Schließlich sollte das der Verarbeitung dienen und Andere erreichen, die ähnlich trostlose Zeiten durchmachten. Er riet mir aber, mich nicht zu sehr von dieser Arbeit bestimmen zu lassen, sondern mich immer wieder auf positivere Dinge zu fokussieren, um nicht meine innere Kraft zu verlieren.
Anschließend erzählte mir Pinku aus seinem Leben. Er stammte wie die meisten Sikhs aus dem Bundestaat Punjab, war in begüterten Verhältnissen aufgewachsen, hatte lange Jura studiert und schließlich als Anwalt gearbeitet. Später hatte er sich von der Welt abgewandt und war Mönch geworden. Nach Jahren des inneren Rückzugs war ihm die Liebe seines Lebens begegnet. So wandte er sich erneut der Welt zu, bis er seine Liebe vor einem Jahr verloren hatte. Seitdem lebte Pinku – wie er sich ausdrückte – in großer »Konfusion« und versuche sich selbst wieder zu finden. Mir war besonders sympathisch, dass er kein perfekter Lehrer war, wie der Dalai Lama oft erschien, sondern ein Mensch mit Fehlern, der sich dieser bewusst war und sich nicht scheute, über sie zu sprechen. Er erzählte mir, wie wenig er von den Einheimischen anerkannt wird und das es unmöglich für ihn sei, sich deren Respekt zu erwerben. Auch die heiligen Männer stehen außerhalb des Kastensystems und ihre Wahrnehmung schwankt zwischen Bewunderung und Verachtung.
Was mich sehr fasziniert, aber auch erschreckte, war, als er erzählte, dass er seit über einem Jahr das Licht in seiner Hütte nicht mehr angemacht hatte. Weil er nichts sehen wollte und die Dunkelheit um sich herum brauchte. Ich kannte solche Phasen gut, in solchen Zeiten war es um den Seelenzustand nicht gut bestellt. Doch trotz aller offensichtlichen Widrigkeiten besaß Pinku diese Fröhlichkeit, diesen Schalk in seinen Augen und ein ausgeprägtes Interesse an anderen Menschen. Die Teestube ermöglichte ihm eine äußerst bescheidene Existenz. Voller Freude und neuer Kraft habe ich ihn an diesem Abend verlassen. 
 
Parallel zu den Begegnungen mit ihm las ich Siddhartha. Das Buch offenbarte mir viele spannende Aspekte. Auch ich musste wohl eines Tages lernen, aufzuhören, die Welt aufgrund der Ungerechtigkeit in ihr zu verachten, mir selbst und anderen zu verzeihen und die Ambivalenz der Welt als Einheit und weniger als Gegensatz zu verstehen. Meine moralischen Ansprüche waren vielleicht nicht falsch, aber wohl von kaum einem Menschen zu erfüllen und auch ich scheiterte immer wieder selbst an ihnen. Besonders angesprochen hat mich, dass Siddhartha in der Erzählung Buddha nicht nachfolgt (in Hesses Erzählung sind Buddha und Siddhartha zwei verschiedene Personen), obwohl er diesen als heiligen Mann wahrnimmt, weil er spürt, dass er nur eigenständig Erleuchtung finde. Er kann Buddhas Weisheit nicht einfach übernehmen. Nur die Wahrheit, die Siddhartha in sich selbst entdecken konnte, erschien ihm wertvoll, lebendig und wirksam. Das entsprach sehr stark meinen eigenen Vorstellungen, meinen eigenen Weg jenseits von vorgefertigten Glaubens- und Moralvorstellungen zu finden. Mit Hesse teile ich auch das „Schicksal“ des Pfarrerkindes. Die Überwindung des Leids als Weg der Erleuchtung konnte vielleicht auch meinem Leben einen ganz anderen Sinn verleihen. Andererseits war das vielleicht genau die Bürde, die ich überwinden musste. Schließlich versuchte auch ich, das Kreuz der Welt zu tragen und konnte nicht anders, als daran zu zerbrechen und zu scheitern. Spannend war für mich, wie es Siddhartha trotz massiver Rückschläge gelingt, im Verlauf der Erzählung seine Perspektive auf die Welt zu verändern:

„Das Ich war es, von dem ich loskommen, das ich überwinden wollte. Ich konnte es aber nicht überwinden, konnte es nur täuschen, konnte nur von ihm fliehen, mich nur vor ihm verstecken. Wahrlich, kein Ding in der Welt hat so viel meine Gedanken beschäftigt wie dieses meine Ich, dies Rätsel, dass ich lebe, dass ich einer und von
allen anderen getrennt und abgesondert bin…“

Am Ende der Erzählung erlebt sich Siddhartha dann als Teil eines großen Ganzen, das uns alle ausmacht und fühlt sich nicht mehr getrennt von den anderen Menschen und der ihn umgebenden Natur. Alles ist beseelt von demselben Funken, der nichts anderes ist als augenblickliche Existenz.

„… langsam blühte, langsam reifte in Siddhartha die Erkenntnis, das Wissen darum, was eigentlich Weisheit sei, was seines langen Suchens Ziel sei. Es war nichts als eine Bereitschaft der Seele, eine Fähigkeit, eine geheime Kunst, jeden Augenblick, mitten im Leben, den Gedanken der Einheit denken, die Einheit fühlen und einatmen zu können. Langsam blühte das in ihm auf, strahlte ihm aus Vasudevas altem Kindergesicht wider: Harmonie, Wissen um die ewige Vollkommenheit der Welt,
Lächeln, Einheit.

Hermann Hesse, Siddhartha.

Dies war die Essenz, meinen Weg musste ich jedoch ähnlich wie Siddhartha selbst entdecken. Erlebt hatte ich diesen Zustand schon einige Male, in der Regel jedoch mithilfe psychoaktiver Substanzen. Dennoch wusste ich, dass es auch für mich einen Weg geben musste; doch ich musste einen organischen Pfad finden, ihn zu beschreiten. Nur dann würde ich in der Lage sein, dauerhaften Frieden zu erlangen.

Am letzten Tag wollte ich mich von Pinku verabschieden, aber leider war sein Shop geschlossen. Ich habe ihm einen Schwarzwälder Kirschkuchen mit einer persönlichen Nachricht hinterlassen und dem Zusatz: „sugar for the whole month.“ Sollte ich nochmal nach Dharamsala kommen, werde ich nah ihm suchen. Ich hatte den Eindruck, dass er mich noch viel hätte lehren können.